Montag, 5. Januar 2015

Positive Psychologie: Die "Everything is possible"-Sekte

Positive Psychologie ist eine Subkultur der Psychologie. Sie möchte eine Wissenschaft für den normalen Menschen im Alltag sein. Das Kernanliegen ist es, dass mehr auf die positiven Aspekte des Menschen geachtet wird, dass man seine Stärken fördert und zur Prävention von psychischen Störungen beiträgt.

An und für sich ist die Idee der Positiven Psychologie nicht schlecht. Die klassische "Psychologie" - zumindest stereotypisch - beschäftigt sich sehr viel mit Störungen. Wie entfernt man Störungen vom Menschen. Es geht darum, dass negative wegzubekommen, nicht aber das positive auszubauen. Die Menschen ihre persönlichen Stärken zu schulen und damit die Welt ein wenig besser zu machen ist sicherlich erstrebenswert. Die Verbesserung der gesellschaftlichen Bedingungen ist sogar ein ethischer Grundsatz der Psychologie.

Interessant sind hierbei z.b. das Undoing-Potenial: Durch das Erleben positiver Gefühle werden negative Gefühle schneller neutralisiert. Erlebt man häufig genug positive Gefühle kommt es zu einer Aufmerksamkeitserweiterung (Broaden-and-built Theory) und man kümmert sich um Ressourcen, die einem in Zukunft gut tun. Letztendlich erzeugt man somit eine Aufwärtspirale, bei dem es einem nach und nach immer besser geht.

Es gibt viele gute Ansätze, z.B. das sogenannte Flow-Erleben: Kommt es in einer Tätigkeit zu einer Passung zwischen Anforderung und Fähigkeit, so erlebt man diese Tätigkeit als zeitlos und super. Flow-Erleben führt zu guten Gefühlen und ist ein guter Ansatz für die Arbeitsoptimierung.

Es gibt allerdings zwei entscheidende Probleme, die die Positive Psychologie hat: Das erste sind neurotische Menschen und das andere der Kapitalismus.

Wer sucht im Internet nach Möglichkeiten, wie es einem besser geht? Natürlich nicht der funktioniernde Normalbürger, schließlich geht es ihm ja halbwegs gut. Neurotische, psychisch kranke Personen suchen nach Mitteln sich besser zu fühlen. Solche Menschen brauche aber Therapien und keine Anleitungen zum "noch glücklicher sein". Solche Menschen können eben nicht adäquat mit Methoden zur Glücksteigerung umgehen, eben weil sie psychisch krank sind. Das ist ja gerade der Kern einer psychischen Erkrankung: Man ist unfähig sich adäquat zu verhalten, unfähig Dinge normal zu sehen, unfähig funktional zu sein. Hier führen solche Methoden nur zu einer einzigen Sache: eine noch tiefere Depression.

Der Kapitalismus ist das sogar noch wichtigere Problem: Wir leben in einer Gesellschaft in der es um Maximierung und Profit geht. Glück und Liebe sind die Religionen unserer Zeit. Sie sollen einfach alles bringen: Sinn, ein gutes Leben, Gummibären, die vom Himmel fallen. Der Kaptialismus verkauft die Ideen der Positiven Psychologie und zeigt eben nicht ihre Grenzen auf. Glück scheint einmal machbar: Man muss es nur stark genug versuchen, man muss sich nur anstrengen und genug investieren und irgendwann werden alle Menschen glücklich sein.

Bullshit!

Schlechte Gefühle, Negativität gehört zum Leben dazu und ist höchst funktional. Das Streben nach Glück kann fast nur im Unglück enden. Ein leistungsgetrimmter Mensch, der darunter leidet, dass er leistungsgetrimmt ist, wird nicht dadurch glücklicher, dass er versucht möglichst viel für sein Glück zu leisten. Leid gehört zum Mensch-sein dazu. Es wird niemals eine perfekte Welt geben, in der niemand leiden muss, in der es allen immer super gut geht. Unser Körper ist nicht einmal dafür gemacht.

Zum Abschluss soll noch gesagt werden: Es gibt zwei grundlegenden Motivationssysteme im Körper: ein Annäherungs und ein vermeidendes System. Das vermeindene System wird immer da sein. Positive dinge und negative Dinge sind biologisch. Das wird nicht weg gehen und es ist auch wichtig. Wenn wir keine negativen Gefühle mehr empfinden können, sind wir schneller alle tot, als ein Stuhl in China umfällt.

Daher: Weg von der positiven Psychologie. Weg von einer Zentrierung des Guten. Wer nur nach Glück strebt, wird unglücklich sein.

Keine Kommentare: