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Dienstag, 30. Juli 2019

Warum fehlende Härte nicht unser Problem ist

Viel zu häufig wird heutzutage "Härte" gefordert. Etwas passiert und die volle "Härte" des Staates wird gefordert. Man muss "hart durchgreifen". Man muss "die volle Härte der Gesetze" durchsetzen. Diese und ähnliche Forderungen sind kompletter Nonsense.

Härtere Sanktionen und härteres Durchgreifen führen in der Regel nicht zum Ziel, sondern arbeiten gegen das eigene Ziel an. Unser Justizsystem ist zurecht auf die Rehabilitation der Straftäter ausgerichtet. Das Ziel ist das Wiedererlangens der bürgerlichen Freiheit und Teilhabe an der Gesellschaft. Ein "harter Staat" weckt Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen und führt zu einer geringeren Bindung an soziale Regeln. Die Folge ist die Ausnutzung von Grauzonen, das Verstecken eigener Schwächen, Lug, Betrug und bewusste Missachtung von Regeln und Gesetzen.

Der Staat muss seinen Bürgern Vertrauen schenken. Und wir müssen anderen Bürgern Vertrauen schenken. Die Chance morgen ein besserer Mensch zu sein. Wer selbst ein humanistisches Ideal gegenüber anderen Menschen vertritt, der erzeugt in ihnen auch die Lust diesem selbst zu folgen, da es sich lohnt. Die wichtige Message muss sein: Vertrauen in die Regeln, Vertrauen in die Mitmenschen - das lohnt sich, denn am Ende leben wir alle damit besser.

Die Dynamik menschlicher Interaktionen und menschlichem Zusammenlebens ergibt sich aus selbsterfüllenden Prophezeihungen. Ein einfaches Beispiel ist die sogenannte "Theorie X" und "Theorie Y":
  • Ein Arbeitgeber, der nach "Theorie X" arbeitet geht davon aus, dass Mitarbeiter faul und arbeitsscheu sind und deshalb stark kontrolliert werden müssen. Hieraus ergeben sich starre Vorschriften und Kontrollen. Beim Mitarbeiter erzeugt dies ein passives Arbeitsverhalten: Wird er vom Arbeitgeber kontrolliert und beobachtet führt er ziemlich genau das aus, was der Arbeitgeber von ihm verlangt, nicht mehr und nicht weniger, da hierdurch Sanktionen drohen. Es folgt eine geringe Eigeninitative, da diese sich nicht lohnt. Steht man nicht unter Beobachtung wird sich von der strengen Beobachtung erholt und dadurch das Arbeitsvolumen gesenkt. Aus dem passivem Arbeitsverhalten heraus wird der Arbeitgeber in seiner "Theorie X" bestätigt.
  • Ein Arbeitgeber der "Thoerie Y" hingegen geht davon aus, dass seine Mitarbeiter grundsätzlich motiviert sind und sich gerne für ihre Arbeit anstrengen. Hieraus ergeben sich für den Mitarbeiter verschiedene Freiräume und Freiheiten. Der Mitarbeiter erledigt seine Arbeit so, wie er es am besten kann. Durch seine Freiräume und geringe Angst vor Sanktionen bei kleineren Abweichungen von der Vorgabe, übernimmt er auch Aufgaben außerhalb seines eigentlichen Arbeitsbereichs. Ein solcher Mitarbeiter wirkt motiviert und zeigt Eigeninitiave. Der Arbeitgeber wird in seiner "Theorie Y" bestätigt.
Die Beispiele sollen erläutern, dass durch das eigene und staatliche Verhalten Bedinungen geschaffen werden unter denen ein bestimmtes Spektrum an Verhaltensweisen möglich oder nicht möglich ist. "Weiche Sanktionen" halten am Vertrauen fest und führen dazu, dass ein Mensch ein Spektrum an Verhaltensweisen ausprobieren kann und so erfahren kann, mit welchem Mitteln er am besten im Zusammenklang mit anderen Menschen leben kann. Eine humanistische Lebenswelt, die Vertrauen und prosoziales Verhalten belohnt führt damit dazu, dass Menschen sich im wesentlichen an dem Ideal orientieren. Prosoziales Verhalten, das nicht unmittelbar zur Bedürfnisbefriedung führt, lohnt sich, da davon auszugehen ist, das zumindest mittelfristig die erhoffte Belohnung wiederholt erfolgen kann. "Harte Sanktionen" führen hingegen zu Misstrauen und eingeschränkten Spielräumen, die dazu führen, dass neue Verhaltensweisen weniger ausprobiert werden können. In einer stark sanktionierenden Umgebung werden Verhaltensweisen belohnt, die unmittelbare Befiedigung von Bedürfnissen ermöglichen, da damit zu rechnen ist, dass bald wieder eine Sanktion erfolgt und man den Zeitraum bis zur Sanktion auskosten muss.


Mittwoch, 6. März 2019

Die Psyche als binäres Systems feuerender oder nicht feuerender Neuronen am Beispiel der Sprache

Das Ziel meiner Forschungsarbeit besteht darin zu prüfen, inwieweit in kurzer Zeit ein Sprachniveau erreicht werden kann, das letztlich zur Gesprächstherapie ausreicht. Doch wann reicht ein Sprachniveau aus? Was macht Sprachniveau überhaupt aus? Nach welchen Kriterien lässt sich Sprachniveau bemessen und wie lassen sich diese formalisieren? Die Frage nach der Erreichung eines adäquaten Sprachniveaus zieht wesentlich grundlegendere Fragen nach sich, die für eine möglichst adäquate Beantwortung der Ursprungsfrage geklärt werden müssen.

Als allgemeinpsychologisch orientierter Psychologe muss für mich diese Frage sogar sehr grundlegend beantwortet werden. Daher komme ich nicht daran vorbei mich grundsätzliche Fragen der Beschaffenheit der Psyche zu stellen. Was ist eigentlich die Psyche? Die Psy-Theorie von Dietrich Dörner versucht sich dieser Frage anzunäheren indem Dörner versucht eine Psyche nachzubauen. Nun denn:

Woraus besteht eigentlich unser Gehirn? Aus sogenannten Neuronen. Neuronen sind grundsätzlich einmal eine recht langweilie Sache, denn sie können unterm Strich nicht mehr als zu-Feuern oder eben Nicht-zu-Feuern (verschiedene Komplexitäten dahinter seien hier mal dahin gestellt). Sie stellen damit ein binäres System dar mit folgenden möglichen Ausprägungen: 1 - Feuern oder 0 - Nicht-Feuern. Diese langweiligen beiden Zustände können jedoch in der Kombination vieler Neuronen beachtliches vollbringen. Wer das jetzt nicht glaubt, muss nur an Computer denken und was diese alles tolles darstellen können. Alles was du hier siehst, alles was dein Computer macht geht auch auf ein binäres 1 - 0 System zurück: Bestimmte Teilchen im Prozessor sind an, oder aus. Sie feuern, oder feuern nicht. Aus diesem 1 - 0 System lässt sich im Prinzip alles darstellen, da die logischen Operatoren UND, ODER und NICHT darstellbar sind. Hierfür muss man schlicht und ergreifend mehrere Neuronen miteinander verbinden und diese sich gegenseitig aktivieren bzw. deaktivieren lassen:

- Ein UND-Neuron lässt sich dann aktivieren, wenn mehreren mit ihm verbundenen Neuronen GLEICHZEITIG Signale eingehen, d.h. die verbundenen Neuronen feuern alle gleichzeitig auf das UND-Neuron.
- Ein ODER-Neuron lässt sich dann aktivieren, wenn mindestens eines von mehreren verbundenen Neuronen auf es schießt.
- Ein NICHT-Neuron lässt sich dann aktivieren, wenn ein oder mehere mit ihm verbundene Neuronen nicht schießen. Das lässt sich zum Beispiel verwirklichen, in dem die Neuronen, die nicht schießen dürfen nicht direkt mit dem NICHT-Neuron verbunden sind, sondern vermittelt durch ein anderes Neuron, das immer schießt, außer es wird durch ein anderes Neuron deaktiviert.

Nun zurück zur Sprache. Unser Gehirn erkennt Wörter auf Basis des Feuerns- oder Nicht-Feuerns von Neuronen. Das funktioniert wie folgt: Wenn wir Sprechen senden wir Laute aus. Diese Laute werden von unseren Ohren empfangen. Es gibt im Gehirn nun Neuronen, die immer dann Feuern, wenn ein bestimmter Laut empfangen wird. Damit erkennt das Gehirn: "Aha! Dieser Laut ist gerade da." Wenn nun das Neuron aktiviert ist das auf "A" reagiert UND das Neuron das auf "H" reagiert UND noch ein Neuron das auf "A" reagiert, dann können diese das "Aha"-Neuron aktivieren und damit wissen wir das Aha gesagt wurde. Das Gehirn hat abspeichert, dass ein A, ein H und ein A zusammen ein AHA sind. Wird wieder AHA gesagt, wird das erkannt. (Wie das Speichern genau funktioniert ist ein anderes Thema, das tatsächlich gar nicht so schwierig ist! Doch dazu vielleicht ein anderes Mal.) In der Kombination und Verbindung vieler solcher UND, ODER und NICHT Verbindungen lässt sich ein System kreiieren, das Wörter und Grammatik repräsentiert.

Was hat die neurologische Repräsentation nun mit der Frage zu tun wann ein Sprachniveau reicht? Die Frage der Repräsentation bringt uns der Frage näher, was denn überhaupt als Kriterium infrage kommt. Unsere Neuronen können Korrelationen darstellen/repräsentieren. Wenn X UND/ODER/NICHT Y vorhanden sind DANN wird Z auch da sein (oder neurologisch gesehen: wenn X UND/ODER/NICHT Y feuert, dann feuert Z auch). Das heißt letztlich das sich Unterschiede im Sprachniveau darauf zurückführen lassen inwiefern bestimmte Korrelationen und Zusammenhänge mit den vorhanden Repräsentationen(Wörtern & Grammatik) dargestellt werden können, oder eben nicht. Hieraus lässt sich auch ableiten, dass es nicht absolut auf Quantität (also je mehr Wörter desto besser) ankommt, sondern auf das vorhanden sein BESTIMMTER Wörter, BESTIMMTER Grammatik ankommt, eben derartige Wörter und Grammatik, die die Repräsentation und die Darstellung von Zusammenhängen über das bisherige Ausmaß hinaus verbessern.

Samstag, 22. September 2018

Nach dem Studium - Erster Schritte als Psychologe

Nun ist es einige Monate her seitdem ich das Psychologiestudium beendet habe. Es war eine gute und wichtige Zeit und es hat den Grundstein für meine Zukunft gelegt. Wo bin ich nun gelandet? In der forenischen Psychiatrie - als Forscher. Forschung hat mir schon im Studium Spaß bereitet, doch der Drang etwas zu ändern hat mich aus ihr getrieben und dennoch scheint sie eine gute Möglichkeit zu sein, den nötigen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen zu können.

Nun: Was lernt man in seinen ersten Monaten nach dem Studium?
Zunächst lernt man die Schrecken der Unsicherheit kennen, wenn man nicht weiß wo man landet. Wenn man gute Noten hat, gute Kenntnisse und doch über ein viertel Jahr zwischen der Vergangenheit und der Zukunft hängt. Das ist eine Zeit in der es extrem schwer ist Entscheidungen zu treffen und extrem schwer ist eine Ressourcen zu nutzen und nicht verrückt zu werden, oder zumindest sehr traurig. Man weiß nicht wo man landen wird, örtlich wie jobtechnisch, man weiß nicht, ob man seine Freunde behalten wird und man weiß nicht, ob das was im Studium gemacht hat eine gute Idee war. Hat man vielleicht seine Zeit verschwendet? Hätte man mehr Praktika machen müssen? Hätte man sich mehr nach den Bedürfnissen der Wirtschaft richten müssen? Wird man nun als Versagerpersönlichkeit enden, die erstmal ein Jahr rumgurkt, bis sie sich doch durchrafft 20.000 Euro für die ausbeuterische Psychotherapieausbildung zu investieren?

Bei mir hat sich diese Zeit der Unsicherheit über gute 3 Monate gezogen. Das war eine emotionale Zeit mit Bewerbungen, Absagen, gefühlten 10.000 möglicherweise-letzten-Mal-Treffen von Freunden, Vorstelllungsgesprächen, die einem eine kurze Hoffnung schenken, um dann doch wieder von der Realität gerichtet zu werden und zu erkennen: Einen Job nach dem Studium zu finden, der a) an dem Ort ist zu dem man möchte und b) den eigenen Fähigkeiten und Wünschen entspricht & dabei c) noch angemessen bezahlt ist, ist verdammt schwer. Respekt an die Menschen, die alle 3 Kriterien geschafft haben. Ich habe gelernt, dass man mindestens bei einem der Kriterien flexibel sein muss. Bei mir war es der Ort. Es ist ätzend nicht mehr alle seine Freunde sehen zu können und ein neues Sozialleben aufbauen zu müssen, doch letztlich muss es manchmal sein. Irgendwann kam der Tag mit dem Job und dem Vorstellungsgespräch, die gepasst haben und dann der befreiende Anruf einer Zusage. In diesem Moment fiel mir eine riesige Last vom Rücken. Endlich konnte ich wieder über meine Zukunft bestimmen. Endlich konnte ich die missliche Lage wieder lenken und selbstwirksam sein. Für die Menschen, die das hier lesen: Es ist übrings völlig normal, dass man mehrere Monate nach dem ersten Job sucht: Hier eine kurze Übersicht. Dennoch sind das zermürrbende Monate, weil man nicht glaubt zu den normalen zu gehören, man glaubt man wird einer dieser Menschen sein, die länger brauchen - dieses Warten zerstört das eigene Selbstbewusstsein, das man im Studium aufgebaut hat.

Wie fühlt sich dann der erste Job an?
Viele berichten von Inkompetenz. Ich habe es eher als Herausforderung gesehen. Man ist sich nicht sicher, ob das was man gelernt hat jetzt richtig ist. Aber man merkt schnell: Es gibt nicht immer ein richtig und falsch. Es gibt verschiedene Wege und wenn man seinen Weg gut begründen kann, dann kommt das auch an. Schließlich arbeiten dort auch nur Menschen. Klar - mit mehr Berufserfahrung, aber auch diese Wissen nicht immer was richtig ist. Auch diese müssen mit besten Wissen und Gewissen den optimalen Weg zu finden. Und: Das Studium bietet einem eine wirkliche gute Grundlage. Man glaubt es vielleicht nicht, aber wir Psychologen wissen nach dem Studium mehr als wir glauben, oder wir wissen wo wir es finden können. Das Studium ist ein riesiges Nachschlagewerk für Situationen in den man sich unsicher ist. Also schmeißt eure Unterlagen nicht weg. Ihr werdet sie wieder brauchen.

Man wird auch von Woche zu Woche kompetenter und mit ein wenig Glück und Selbstbewusstsein findet man seine eigene Position im System. Ich persönlich arbeite jetzt in der forenisch-psychiatrischen Forschung an einem Migrationsprojekt. Hier merke ich, dass es in der Evaluationsforschung oftmals an Grundlagenforschung fehlt, an fundierter allgemeinpsychologischer Ausrichtung. Hier setze ich nun an und schauen wir mal wo mich das hin führt.

Weiterhin, und liebe Pias ihr werdet mir das jetzt hoffentich entschuldigen, bin ich froh dass ich mir selbst genug Wert war nicht Pia zu werden. Pia zu werden ist scheiße: Du wirst ausgenutzt und scheiße bezahlt. Du machst viel Arbeit, die du nicht machen dürftest und es wird dir nicht anerkennt. Und viele meiner Kollegen bei den Pias lassen es mit sich machen: Denn man möchte ja Psychotherapeut werden. Meine Empfehlung an alle künftigen und aktuellen Pias: Lasst es sein. Investiert eure 120 Euro und werdet Heilpraktiker für Psychotherapie. Damit könnt ihr zwar keine Kassenpatienten arbeiten, aber nur so lernen es die Politik. Ihr braucht diese Ausbildung nicht, um kompetent zu werden. Ihr könnt auch in einer Klinik als richtiger Psychologe arbeiten und rumprobieren und eure Kenntnisse aus den Manualen holen. Und Supervision könnt ihr auch machen ohne Pia zu sein. Ich will hier niemand beleidgen. Ich will nur sagen: Seid euch selbst genug wert. Und wenn ihr es doch macht, dann demonstriert, demonstriert, demonstriert. Macht nicht mehr als ihr solltet, lasst euch alles aufschreiben und verklagt eure Klinik wenn ihr fertig seid (denn wenn ihr als Psychotherapeut arbeitet, steht euch auch der Lohn zu - und das passiert sobald ihr euren Praktikantenstatus überschreitet, was offenbar permanent passiert.)

Freitag, 17. November 2017

Eigenverantwortlichkeit - Ein Konzept ohne Spielräume

Ausführbarkeit, Schädigungsfreiheit, Beeinträchtigungsfreiheit und Persönlichkeits-/Gesundheitsförderlichkeit. Unter diesen 4 Schlagworten kann man die Anforderungen einer humanistischen Arbeitsgestaltung zusammenfassen. Konkret geht es darum, dass ein Arbeitsauftrag überhaupt schaffbar ist, dabei weder körperlich noch psychisch Schaden beim Ausführenden anrichtet und am besten noch dazu führt, dass die Personen etwas lernen kann. Um diese 4 Kriterien zu erfüllen muss aus psychologischer Sicht einiges bei einer Stelle vorhanden sein, insbesondere Freiräume und Ressourcen. Eigenverantwortlichkeit ist ein Schlagwort, dass auf den ersten Blick impliziert, dass es einer Person Freiräume ermöglicht. Da Freiräume zur psychischen Gesundheit beitragen, sollte man also folglich Eigenverantwortlichkeit als Psychologe befürworten?

Nicht unbedingt. Eigenveranwortlichkeit im moderenen Arbeitsalltag ist nämlich häufig wenig mit Freiräumen verbunden, sondern stattdessen tatsächlich eher mit einer Einschränkung der Spielräume verbunden. Eine eigenverantwortliche Tätigkeit umfasst im Normalfall, dass ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Tätigkeit übertragen wird, die der Einzelne auf seine eigene Art und Weise umsetzen kann, ohne dabei zu stark von einem Vorgesetzten eingeschränkt zu werden. Grundsätzlich wäre Eigenveranwortlichkeit also tatsächlich sehr förderlich und gesundheitserhaltend für einene Menschen, da sie impliziert, dass man sich aus der fremdgesteuerten Sklaverei befreit und "sein eigener Chef" sein kann.

Ist nur leider nicht so. Damit eine eigenveranwortliche Tätigkeit gesundheitsförderlich sein kann muss sie Handlungspielräume UND zeitliche Spielräume umfassen. In der Praxis ist aufgrund zeitlicher Verdichtungen und Wachstumsdruck zumeist wenig zeitlicher Spielraum vorhanden. Übrig bleibt der Handlungsspielraum. Der Handlungsspielraum ist aber wiederum vom zeitlichen Spielraum abhängig. Wenn ich eigenverwortlich ein bestimmtes Ziel in einer sehr begrenzten Zeit verrichten muss, habe ich eben NICHT die Möglichkeit mir auszusuchen WIE ich die Tätigkeit umsetze, sondern ich bin dazu verdammt die Strategie zu wählen, die es am ehesten noch ermöglicht in der begrenzten Zeit zum Erfolg zu führen. Diese Strategien sind zumeist nicht die Strategien, die persönlichkeitsfördernd oder gesundheitsfördernd sind, sondern schlicht auf Effizienz ausgerichtet sind. Bei einer komplett auf Effizienz ausgerichteten Tätigkeitsregulation bleibt wenig Platz für soziale Kontake, Ressourcenaufbau oder auch nur Erholungszeiträumen.

Das Problem an der Eigenverantwortlichkeit ist also, dass man eigenverantwortlich, d.h. SELBST die Strategie wählt, die einen am meisten ausbeutet. Freumdgesteuerte Sklaverei wird durch eigenindizierte Sklaverei ersetzt. In einem solchen Fall kann man dann nicht mehr auf den Chef schimpfen, der einem unmögliche Methoden zumutet. An die Stelle der Attribution auf den Chef tritt die Attribution auf das eigene Selbst - man selbst ist der Versager, der die eigenverwantwortliche Tätigkeit nicht gut genug ausüben kann. Zerstört wird hier also direkt das eigene Selbstbewusstsein. Folgen sind Depressionen und Ängste.

Eigenverantwortlichkeit kann nur dann gut für den Menschen sein, wenn er SELBST über die MENGE und ZEIT bestimmten kann. Nur dann kann er auch SELBST über die METHODE entscheiden. Zusammengefasst muss in der modernen Arbeitswelt also darauf geachtet werden, dass das schöne Konzept der Selbstverantwortung nicht zur Selbstversklavung mit oben genannten Folgen wird. Wie kann das geschehen? Schritt 1 ist Widerstand. Widerstand gegen eine Verdichtung der eigenen Aufträge. Es darf nicht zu viel angenommen werden und es muss dafür gesorgt werden, dass auch weniger Aufträge angemessen entlohnt werden. Eine große Chance birgt die Digitalisierung, da durch den Einsatz modernen Informationstechnik eine Zeitersparnis erzielt werden kann, die in der Folge dann als zeitlicher Spielraum zur Verfügung steht. Wichtig: Die freigewordene Zeit darf dann nicht durch neue Aufträge gefüllt werden. Letztlich hängt es auch am Arbeitnehmer selbst: Man muss auch nein sagen können. Man muss sich selbst zugestehen, dass man die Zeit braucht.

Montag, 10. April 2017

On the Road to A & O

Populismus, Ausbeutung, Europafeindlichkeit, Rassismus, neoliberaler Wahnsinn. Die Liste kann beliebig erweitert werden. Es handelt sich hierbei um Gründe politisch aktiv zu werden. Ein kluger Mensch muss politisch sein. Ein kluger Mensch muss sein Wissen anwenden, um damit der Menschheit zu dienen. Denn ich lebe nicht allein auf dieser Welt.

Die Psychologie verfolgt grundsätzlich einen Individualansatz, insbesondere die Psychotherapie. Hilfe in individuellen Problemen, Hilfe eigene psychische Dynamiken zu durchbrechen, oder sie zu akzeptieren. Man zielt auf das individuelle Glück. So tun das auch viele Psychologen und Psychologinnen. Man zieht sich zurück aus der großen komplexen Welt und befasst sich mit seinem eigenen begrenzten Horizont. Denn geht es mir jetzt gut, dann ist das gut. Damit kann ich nichts anfangen.

Das Schlechte sitzt tiefer. Das Schlechte ist systematisch in unserer Gesellschaft vorhanden. Wir leben bestimmte Normen und sozialisieren unsere Kinder in sie hinein. Wenn Schlechtes resultiert doktern wir an den Symptomen herum, anstatt große Lösungen anzugehen: denn sie scheinen uns schwer bis unmöglich umsetzbar. Angela Merkel prägt das Wort der Alternativlosigkeit. Ihr politischer Stil und ihre Haltung zur Welt haben sich in den langen Jahren ihres Regierens in unseren Köpfen festgesetzt. Es gibt keine Alternativen, wir können es nur so machen. Alles andere ist zu teuer, es gibt keine Mehrheiten, es dauert zu lange, etc.. Das ist Schwachsinn.

Ich kann niemals die Union wählen. Trotz ihres Linksdrucks sind sie konservativ, sie wollen nichts verändern. Aber nur durch Veränderung kann es besser werden, nur durch Veränderung kann man auch in Zukunft hohen Wohlstand erwirtschaften. Ich bin progressiv, liberal und sozial eingestellt. Mein Horizont ist auch auf die weitere Zukunft ausgerichtet. Unsere gegenwärtige gesellschaftliche Form ist gegenwartsorientiert. Wir leisten jetzt alles und die Zukunft ist uns egal. Aber wo führt das hin? Zu einer breiten Ausprägung sogenannter "Burnouts" - oder realistischer ausgedrückt Depressionen? Man erzählt uns soziale Absicherung wäre in der Globalisierung nicht mehr möglich. Aber das ist Schwachsinn. Das ist neoliberale  Lehre, die auf nichts als haltlosen Theorien fußt.

Was hat das nun alles mit mir als angehender Psychologe zu tun? Es gibt verschiedene Gründe für eine Entwicklung in mir, die unter anderem die obigen Punkte miteinschließt: Es treibt mich in die Arbeitspsychologie. Der Schutz der Humanität, der Schutz vor psychischen Störungen, die Möglichkeit zur nachhaltigen persönlichen Entwicklung - das ist humanistische Arbeitspsychologie. Da möchte ich hin. Es ist meine Verpflichtung und mein Wunsch die Welt zu verbessern. In der Forschung bin ich vermutlich zu defensiv. Ich weiß noch nicht wo genau ich landen werde. Doch es wird wohl im A & O Bereich sein. In einer Position mit der ich die Menschen schützen kann.

Die Welt ist schlecht. Aber der Grad der Schlechtheit liegt in unserem Händen.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Jahresrückblick 2016 - Die Mitte des Masters und das beginnende Studiumsende

2016 war ein scheiß Jahr. Scheiß Anschläge. Scheiß Populisten. Siege von Nationalisten. Das elfte Jahr unter Angela Merkel. Unter diesem Hintergrund verlief das erste Jahr des Masters. Die Weltlage ist real, selbst im idyllischen Innsbruck, das umgeben von einem Kranz von Bergen vom Rest der Welt abgeschnitten scheint kann man sich dem nicht entziehen.

Blicken wir zurück aufs Studium und das Studienleben.

Was ist ein Psychologe?
Die Psychologe ist die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben. Soweit, so gut. Aber was ist ein Psychologe? Was soll das sein, das wir werden, wenn wir mit dem Studium fertig sind? Ist es eine Art zu Denken? Sind es unsere Methoden und Kompetenzen? Ist es unser mehr oder weniger funidertes Grundlagenwissen über den Menschen? Es ist schwer zu sagen. Ein Psychologe ist wohl das Resultat aus dem absolvierten Studienplan. Ein Mensch der sich vielleicht Gedanken gemacht hat oder einfach nur Bulimielernen betrieben hat und meint wir brauche das alles sowieso nicht.

Was ist ein guter Psychologe?
Eine weitere wichtige Frage. Je weiter das Studium voranschritt, desto mehr werden Differenzen mit anderen Kommillitonen offensichtlicher. Viele wollen Therapeut werden. Sie hinterfragen das Studium. Sind wohl eher unzufrieden als zufrieden damit. Ob diese Studenten gute Therapeuten werden ist eine Frage, die sich noch zeigen wird, ob sie gute Psychologen sind, ist eine andere Frage. Psychologie ist eine Naturwissenschaft. Eine Naturwissenschaft, die auch geisteswissenschaftliche Anteile hat. Eine Wissenschaft über den Menschen, die wenig am Einzelfall interessiert ist. Ein guter Psychologe ist methodisch stark. Er arbeitet ethisch korrekt. Er kennt die Grenzen psychologischen Erkenntnis, resigniert aber nicht an ihen. Ein resignierter Psychologe, also jemand der glaubt er wüsste nichts und könnte nichts, der wird in der realen Welt wahrscheinlich scheitern.

Was ist für die Psychotherapie von Relevanz?
Liebe Freunde. Ja es stimmt, die Beziehung zwischen Therapeut und Klient ist das wichtigste Element einer Therapie. Aber ohne Methodik, ohne Plan und ohne Überzeugung von der Therapiemethode wird man diese therapeutische Allianz nicht herstellen. Es ist nicht scheißegal, was man mit Menschen macht. Diese Vorstellung ist mehr als ethisch fragwürdig. Menschen haben verschiedene Bedürfnisse und Weltvorstellungen. Für Therapeuten ist es wichtig methodisch gut zu sein. Es reicht nicht aus ein netter empathischer Mensch zu sein. Das unterscheidet einen Therapeuten von einem guten Freund. Ein Therapeut arbeitet mit einer fundierten Methode zielorientiert an einem Problem und schenkt nicht nur Wärme und Verständnis. Eine notwendige Bedingung - die therapeutische Allianz - ist notwendig aber eben nicht allein ausreichend.

Was halte ich von Arbeits- und Organisationspsychologie?
Ich habe es kategorisch ausgeschlossen in die A & O Richtung zu gehen. Nein, viele von uns haben es kategorisch ausgeschlossen. Und einige, wie ich tun das jetzt nicht mehr. In A & O kann man Geld verdienen - ekelhafte Vorstellung, dass das für einen Psychologen von Belang ist, aber dennoch wichtig. A & O steht vor der psychischen Störung. A & O bietet einen Haufen Möglichkeiten zu intervenieren. A & Oler sind als Humanisten so etwas wie ein Gegenpol zu den "kalten" tayloristischen Wirtschaftswissenschaftler. Wir haben Verantwortung. Wenn wir uns vor der Privatwirtschaft scheuen, wird ein Mensch unsere Stellungen einnehmen, der dafür wahrscheinlich schlechter qualifiziert ist wie wir. Und wir verlieren eine Möglichkeit der Partizipation an der realen Welt da draußen.

Welche Themen faszinieren mich am meisten?
Ich interessiere mich nach wie vor für viel grundlegendes vom Menschen, von der Psyche. Psyche ist wissenschaftlich fassbar. Man wird nie alles vorhersagen können. Aber nicht weil die Psyche so komplex und undurchschaubar ist und jeder Mensch individuell, sondern weil die Umwelt komplex und unvorhersehbar ist. Der Faktor Zufall ist immens wichtig. Aber wir dürfen deshalb nicht aufhören, die Psyche immer adäquater zu beschreiben. Wir müssen außerdem raus aus dem Baum. Wir müssen an dem Ganzen arbeiten.

Wo sehe ich meine Zukunft in der Psychologie?
Eine schwierige Frage. Ich wollte bislang immer in die Forschung. Aber Forschung ist nicht leicht. Werde ich deshalb im A & O Bereich arbeiten? Ich weiß aktuell nicht viel. Ich weiß nicht worüber ich meine Masterarbeit schreiben werde, ich weiß nicht wo ich anfangen werde, wenn das Studium in gut einem Jahr endet. Wenn man sich dem Ende des Weges nähert, dann macht man sich reale Gedanken über das danach. Meine Zukunft ist noch nicht geschrieben. Wir werden sehen, wo ich lande. 
 

Freitag, 3. Juni 2016

Grundsätzliches zum Menschenbild: Das Ich ist ein Körperliches

"Das Ich ist vor allem ein Körperliches, ..." 
Sigmund Freud

In diesem Beitrag befasse ich mich mal wieder mit etwas grundsätzlichem: unserem Ich. Unser Ich, das ist sind Wir, das ist unsere Geist, unsere "Seele", das sind unsere Einstellungen, Gedanken, Fähigkeiten, etc., die wir als uns zugehörig erleben. Das Ich ist das was uns ausmacht.

Schon Freud kam auf die fundamentale Erkenntnis, dass das Ich vor allem ein körperliches ist. Unser Ich ist an unserem Körper gebunden. Wir wir fühlen liegt in unserem Körper, in unserem Gehirn begründet. Bestimmte körperliche Dinge, bestimmte Ausprägungen von Botenstoffen im Gehirn, unsere Größe, unsere Anatomie hat von Anfang einen erheblichen Einfluss darauf, wie wir die Welt verarbeiten und verarbeiten können. Wir sind gleichsam Ursache als auch Ergebnis unseres Körpers.

Es ist immens wichtig zu begreifen, dass wir uns selbst nur IN uns selbst erfassen können. Unsere spezifischen Gefühle sind gekoppelt an genau jene körperlichen Merkmale, die wir haben. Sie sind gekoppelt an genau diese Hirnbahnen die stärker ausgeprägt sind, oder schwächer. Es sind genau diese Kombinationen von körperlichen Merkmalen, die wir haben, die uns letztlich zu dieser individuellen Ich-Wahrnehmung führen, die kein anderer haben kann. Unsere Angst ist eine andere Angst, wie die Angst die andere Menschen haben, da diese nicht die selben körperlichen Konstitutionen haben wie wir. Wie schnell unser Herz schlägt, wie stark sich unsere Härchen aufstellen, wie stark der Schweiß von unserer Stirn rinnt, all das macht unser Gefühl der Angst für uns spezifisch. Würden wir uns selbst, unseren "Geist" aus unserem Körper entfernen, so verliert dieser seine Realität. Unser Geist, unser Ich ist nur in diesem Körper und in keinem anderen möglich. Sollte es eines Tages möglich sein unsere Gedanken, unseren Hirninhalt in eine anderen Körper zu verpflanzen, so sind wie nicht mehr Wir-Selbst. Wir sind auch nicht der, der mit diesem Körper geboren wurde. Unser Ich und unser Körper sind eine Einheit. Wer den Körper vergisst, der verliert auch sein Ich.

Letztlich will dieser diffuse Beitrag darauf hinaus, dass wir nur wir sind, weil wir diesen Körper haben. Unsere Ich-Qualität ist eine bestimmte Körperqualität. Wir sind materiell. Das was wir als immateriall wahrnehmen ist an seine materielle Grundlage gebunden. Wird sie, die materielle Grundlage dem Immatriellen entrissen, so verliert das immatrielle, unser Ich, seine Existenz.

Sonntag, 3. Januar 2016

Studentischer Jahresrückblick: das dritte Jahr des Bachelors, der Beginn des Masters

Der Bachelor ist vorbei, der Master hat begonnen. Seit Monaten habe ich keine Prüfungen mehr schreiben müssen, habe wenig neues gelernt. Dennoch sind Diskussionen entstanden und ich habe viel über meine Wissenschaft nachgedacht. Zeit zurückzublicken.

Methoden der Kritische Psychologie Vs. konventionelle Psychologie
Erfasst die konventionelle Psychologie die menschliche Psyche korrekt? Sind die Methoden der Psychologie, die Statistik, das Reiz-Reaktions-Modell geeignet um Menschen korrekt zu beschreiben oder haben sie keine Aussagekraft und denken zu kurz? Dies sind Fragen, die sich einige in unserem Studiengang stellen. Meine Meinung ist, dass die statistische Erfassung des Menschen sehr wohl geeignet ist den Menschen und seine Psyche korrekt zu beschreiben. Natürlich wird der Mensch nicht komplett und umfassend in jedem Moment eines Experiments erfasst. Wie sollte das auch möglich sein? Damit Wissenschaft funktionieren kann, muss sie reduzieren. Modelle sind nötige Vereinfachungen der Welt, die sie verständlicher machen.

Psychologie über oder für den Menschen?
Ist es die Aufgabe der Psychologie dem Menschen Fragen zu liefern, mit denen er besser über sich selbst reflektieren kann? Sind Erkenntnisse über den Menschen auch Kenntnisse für den Menschen, die ihm helfen können? Ich bin mir sicher, dass eine Psychologie über den Menschen der richtige Weg ist. Die Psychologie begreift den Menschen aus der Objektsicht und nicht aus der Subjektsicht. Das Subjekt ist irrelevant für das große und ganze. Eine Wissenschaft, die sich schlicht und ergreifend mit einem einzigen Individuum beschäftigt und dessen Gedanken über die Welt, wird keine oder kaum Erkenntnisse erzielen, die uns weiter bringen. Indiviudalsicht ist eine interessante Seite der Psyche, aber nicht die entscheidende. Die Psychologie über den Menschen ist der richtige Weg.

Homo rationalis oder homo biologicus
Ist der Mensch minderwertig und Maschinen unterlegen? Ist er irrational und muss durch Algorithmen verbessert werden? Oder ist er biologisch gut, evoltionär angepasst? Befasst man sich mit Entscheidungen, so gibt es 2 Meinungen: Der Mensch ist nicht rational und muss aufpassen oder er ist rational im Sinne von gut an die Umwelt angepasst. Ich persönlich denke, der Mensch ist nicht rational, aber das ist nicht schlimm. Vollkommen rational zu sein ist biologisch nicht möglich und vermutlich auch nicht einmal sinnvoll. Der Mensch funktioniert gut als heuristisches Wesen, dass die Umwelt vereinfacht und nur "gute" und keine "perfekten" Entscheidungen trifft. Er erfüllt seinen Zweck. Natürlich trifft er auch miese Entscheidungen und manchmal sind rationale Überlegungen sinnvoll. Dennoch ist es wichtig den Mensch so zu begreifen WIE ER IST (biologicus) und nicht  WIE ER SEIN SOLLTE (rationalis).


Leib-Seele-Problem:
X verändert das Gehirn! Wtf. Natürlich. Die Psyche, der Geist ist nichts anderes als das Gehirn. Es kann nichts anderes als das Gehirn verändert werden, da das Gehirn der Spiegel unseres Geistes ist. Synapsen wachsen und Neuronen entstehen genau dort, wo sie verwendet werden. Wir werden irgendwann vielleicht verstehen wie genau unser Geist, Gedanken entstehen, es ist jedenfalls bereits klar, dass diese materieller Basis sind. Der Geist ist eine eigene Ebene, die verstanden werden muss, mit rein biochemischer Untersuchungen im Gehirn, wird man niemals einen konkreten Gedanken verstehen können. Dennoch beruht dieser Gedanke auf biochemischen Prozessen. So wie die Chemie auf physikalischen Prozessen beruht und dennoch ein Studium der Physik nicht ausreicht, um Chemie vollständig zu verstehen.


Welche Themen faszinieren mich?
Mich interessiert wie der Mensch funktioniert. Ich möchte die Prozesse kennen, möchte die Psyche möglichst adäquat bezeichnen. Ich möchte jedoch auf einer allgemeinen Basis bleiben. Ich glaube, dass das Arbeitsgedächtnis hier wichtig und interessant ist und auch Heuristiken sehr hilfreich sind. Heuristiken sind Daumenregeln und helfen Entscheidungen und Verhalten von Menschen zu verstehen. Sie prägen uns auch als selbsterfüllende Prophezeihungen.


Welchen Fächern fühle ich mich am nahsten?
Mein Herz schlägt immer mehr für die Allgemeine Psychologie. Ich möchte grundsätzliche Dinge erforschen und nicht einen kleinen Teilraum erkunden. Sozialpsychologen erforschen Gebiete, die teilweise interessant, aber auch teilweise überflüssig sind. Wen interessiert schon inwiefern das Essen die Persönlichkeit prägt? Die Situation ist die Hauptdeterminante des Verhaltens. Möchte man einen Menschen verstehen, so muss man die Situation kennen und die allgemeine Prozesse.


Wo sehe ich meine Zukunft in der Psychologie?
Ich sehe meine Zukunft in der Forschung. Ich möchte mehr wissen, immer mehr. Ich kann mir aber auch vorstellen mithilfe meiner Kenntnisse in Anwendungsgebieten zu helfen. Klinische Psychologie kann ich mir keinesfalls vorstellen. Ich möchte in einer anderen Ebene arbeiten, die die vor der Störung steht.

Donnerstag, 19. November 2015

Modell des Alltagshandelns: Die Werkstattmetapher

Dieser Beitrag bezieht sich direkt auf einen älteren Post von mir und meinem postulierten Modell des Alltagshandelns. Ich versuche das Modell in einer Metapher darzustellen, um es besser verständlich zu machen.

Die Werkstattmetapher.
Man stelle sich das LZG als Werkstatt vor in der jede Menge Werkzeuge gelagert sind. Diese Werkzeuge sind Prinzipien, Prozesse und Fähigkeiten, über die wir bescheid wissen (Heuristiken). Es existieren Anleitungen für alle Werkzeuge, die praxisnah, in bildhafter und anekdotenhafter Form zeigen, wie und wo man ein bestimmtes Werkezug anwenden kann(episodische Fakten). In der Mitte steht ein Tisch auf dem das Werkstück liegt, das man gerade bearbeitet. Die Arbeiter in der Werkstatt beobachten die Tätigkeit des tätigen Monteurs(Priming), dem Ich, und holen permanent Werkzeuge, damit er jederzeit das richtige Werkzeug zur Hand haben kann (aktivierte teile des LZG). Da der Monteur nur mit den Werkzeugen arbeiten kann, die er zur Hand bekommt, bestimmen die Arbeiter gewisserweise seine Handlungsfähigkeit. Er kann jedoch den Arbeitern auch Befehele erteilen, um an das Werkzeug zu kommen, dass er gerade benötigt. Dem Monteur stehen einige Beobachter zur Seite, die ihn auf Fehler hinweisen oder falls nötig auch selbst eingreifen, ihm das Kommando entreißen (Monitoring). Um neue Werkezuge zu entwicklen, vorhandene zu modifizieren oder die Anleitungen zu verändern stehen dem Monteur einige Ingenieure zu Verfügung, die meist selbständig arbeiten, jedoch auch vom Monteur dirkte Anweisungen erhalten können (implizites und explizites Lernen). Die Zusammenarbeit in dieser Werkstatt verläuft meistens flüssig und erfolgreich, sodass die Tätigkeit an den Werkstücken in der Regel keine Probleme verursacht.

Welche Aussagen werden in dieser Metapher nun also getroffen?

1. Das LZG ist nicht als träge Bilbiothek oder Festplatte zu verstehen, in der Informationen kleinlich genau archiviert werden. Es ist viel mehr eine Art Abenteuermuseum, in der zu jedem Artefakt lebendige Geschichten erzählt werden, die seinen Zweck und seinen Hintergrund illustrieren.

2. Das Ich ist ein Akteur, das in großem Maße von anderen Faktoren determiniert wird, weil ihm dies enorme Vorteile bringt. Es ist der Entscheider und das ausführende Organ, die Exekutive, kann Befehle erteilen, muss dies aber meistens nicht, da es sich auf die Akteure im Hintergrund verlassen kann. (In etwa wie ein führender Politiker, der zwar klar die Entscheidungsgewalt hat, jedoch trotzdem in großem Maß von der richtigen Arbeit seiner Mitarbeiter abhängt.)

3. Das Gehirn bereitet sich in jedem Moment auf mögliche Folgesituationen vor, in dem es bestimmte Hirnbereiche und damit Wissen voraktiviert, damit schnell darauf zugegriffen werden kann.

4. Es werden permanent neues Wissen angelegt, altes modifiziert und verändert. Stichworte: Akkumodation und Assimilation

5. Neben der bewussten Überwachung des Ichs existiert auch eine weitere implizite Kontrollinstanz, die uns kurzzeitig die explizite Kontrolle entreißt, sollte es nötig sein.

6. Man bearbeitet immer nur eine Aufgabe im Aufmerksamkeitsfokus.


Welche Fragen bleiben offen?

Welche Rolle spielen Emotionen? Diese kommen in dieser Metapher und dem Modell nicht vor, obwohl sie eine entscheidende Rolle spielen müssen.

Wenn nur eine Aufgabe bearbeitet wird, wie gehen wir mit komplexen und vielfachen Anforderungen im Alltag um bzw. wie wird entschieden, was in den Aufmerksamkeitsfokus kommt?

Sind wir immer tätig? Oder was passiert, wenn wir nicht tätig sind?

Und vermutlich einige weitere.


Insgesamt versuche ich mein Modell des Menschen zu verfeinern und dem Menschen gerechter werden zu lassen. Ich finde es ist die Aufgabe eines Psychologen nicht nur Fachwissen in vielen Einzelgebieten zu erzielen, sondern dieses Wissen auch zusammenzubringen, um dem Verständnis des Waldes bzw. der Psyche im Gesamten immer näher zu kommen. Zu tief in den Baum zu schauen führt dazu, dass der Blick auf das Wesentliche verloren geht.

Freitag, 30. Oktober 2015

Was ist eigentlich Intelligenz?

Was ist eigentlich Intelligenz? Wir verwenden diesen Begriff extrem häufig, ohne zu wissen, was er eigentlich aussagt. Intelligenz im Sinne des IQ ist schnell erklärt: Die Fähigkeit zur höheren Bildung. Intelligenztests wurden dazu entwickelt, Schulkinder den richtigen Leistungsgruppen zuzuordnen (und auch fürs Militär, aber das ist eine andere Geschichte). Was der IQ aussagt, ist letztendlich aber nicht intelligentes Verhalten, sondern lediglich, ob man eine Neigung oder Fähigkeit zu einer bestimmten Art und Weise des Denkens hat.

Was ist nun aber intelligentes Verhalten? Ist KI, künstliche Intelligenz in der Tat intelligent? Jeder, der schon einmal das eine oder ander Computerspiel gespielt hat, ist mit NPCs vertraut. Diese Charaktere werden vom Computer gesteuert. Insbesondere in RPGs haben sie die Aufgabe auf bestimmte Reize zu reagieren, z.B. einen Angriff eines Tieres oder anderen Feindes. Sie sind darauf programmiert ihre Waffe zu ziehen und Kampfhandlungen auszuführen und mit genügend Lebenspunkten schaffen sie auch einen Kampf zu bestreiten. Sie sind nun deswegen intelligent? Wer gerade ältere Spiele kennt, war sicher schon einmal in der Situation in der ein NPC-Begleiter sich scheiße dumm verhalten hat, z.B. lief die Figur gegen einen Baum und schaffte es nicht an ihm vorbeizulaufen, oder sie fiel zwischen zwei Felsen udn schaffte es nicht herauszuspringen. Die NPCs der neuren Spiele sind schon weniger dumm: Sie bleiben nur noch sehr selten in Felsspalten hängen oder laufen gegen Bäume. Ihre Reaktionsfähigkeit wurde verbessert, sie sind genauer programmiert, verfügen über mehr Wissen.

Hier sind wir an einem Punkt angelangt der für Intelligenz unheimlich wichtig ist: Wissen. Intelligenz ist zum einen mal die Fähigkeit Wissen anzuwenden. Ein NPC ist intelligenter, wenn er auf mehr Merkmale in der Umwelt des Spieles reagieren kann und dafür adäquate Logarithmen anwenden kann. Wenn man aber merkt, dass ein NPC in einem Kampf gegen Feinde nicht ordentlich zurückwicht, nicht flüchtet, wenn er den Kampf klar verlieren wird, nicht einmal eine andere Taktik versucht, so zeigt sich schnell, weshalb ein realer Spieler intelligenter ist: Er kann sein Verhalten anpassen, er kann LERNEN.

Hier sind wir am zweiten, dem wichtigeren Punkt der Intelligenz angelangt: Intelligenz ist Lernfähigkeit. Wenn man etwas lernen kann, kann man sich an eine Umwelt anpassen, kann man neue Fähigkeiten generieren. Ein gutes Beispiel ist hier ein Hund: Ein Hund, dem man schnell neue Fähigkeiten beibringen kann gilt als intelligent, denn er ist lernfähig. Erlebt er eine Situation mehrmals, wird er mit gewisser Lernfähigkeit sich beim zweiten Mal adäquater verhalten. Ein NPC macht das nicht.

Hier haben wir also die zwei wesentlichen Aspekte der Intelligenz herausgestellt: Die Fähigkeit Wissen zu generieren, zu lernen und die Fähigkeit Wissen anzuwenden. Mit diesen zwei Fähigkeiten kann immens intelligentes Verhalten vollbracht werden: Affen z.B. können Lernen, dass sie mit Stäben besser bestimmte Aufgaben verrichten können. Die meisten, oder wahrscheinlich alle Säugetiere handeln nicht nur instinktiv, sondern lernen sehr wohl auch über Reize in der Umwelt, die sie lieber meiden oder die sie nicht meiden müssen.

Ein dritter Faktor, der für Intelligenz sehr wichtg ist, stellt die Umwelt dar. Die Umwelt ist dabei vor allem wichtig für die Einschätzung der Intelligenz. Ein Organismus, ein NPC, was auch immer kann nur so intelligent sein, wie seine Umwelt ihm die Möglichkeit dazu bietet. Ein gutes Beispiel ist Mario in diesem Video: https://www.youtube.com/watch?v=qv6UVOQ0F44 .
Mario kann hier lernen sich an seine Umwelt anzupassen, seinen Gegnern auszuweichen, in den richtigen Momenten zu springen. Mario ist in der Tat sehr gut an seine Umwelt angepasst und verhält sich intelligent. Mario kann aber nicht intelligenter werden. Er hat beschränkte Verhaltensmöglichkeiten und beschränkte Anforderungen. Mario in für diese Umwelt maximal intelligent, denn er kann mit allen Anfordernissen umgehen und kann alle Verhaltensmöglichkeiten ausschöpfen. Eine höheren Intelligenz, ein intelligenteres Verhalten ist nur möglich, wenn man Mario in eine komplexere Welt mit mehr Verhaltensmöglichkeiten steckt.

Das ist also intelligentes Verhalten. Interessant bleibt am Ende die Frage, ob diese 3 Bedingungen ausreichend sind, um z.B. "Bewusstsein" bzw. eine Persönlichkeit zu erzeugen. Ich selbst meine: ja. Andere würden mir vermutlich widersprechen. Wie Lernfähigkeit, Anwendungsfähigkeit und Umwelt für die Entstehung einer Persönlicheit zusammenwirken und waurm sie wohl hinreichend sind, ist aber eine andere Frage, der ich mir ein anderes Mal widmen werde.

Montag, 20. Juli 2015

Bachelor of Science

Zwei Jahre und 9 Monate, 180 ECTS Punkte, 4500 Stunden Arbeit, also etwa 113 Wochen Vollzeitarbeit später - ich bin Bachelor of Science. Es ist nun gute 2 Wochen her, seitdem ich offiziell Absolvent eines Studiums bin. Ich darf mich zwar nicht Psychologe schimpfen, aber immerhin habe ich einen psychologischen Abschluss. Es sind 2,75 Jahre vergangen - sehr schnell. Ich habe sehr viel gelernt. Wie hat mich mein Studium verändert?

Ich habe mich vor meinem Studium immens darauf gefreut endlich Student zu sein. Psychologie zu studieren ist ein erstes Lebensziel von mir gewesen, dass ich erreicht habe. Als erster Student meiner Verwandtschaft, zumindest der mir bekannten Verwandtschaft, hatte ich nicht viel Ahnung wie das wohl sein würde zu studieren. Festzuhalten ist, dass das Psychologiestudium ziemlich exakt dem entsprochen hat, was ich erwartet habe: Viel Methodenlehre, breitgefächertes Wissen über verschiedenste Bereiche des Verhaltens und Erlebens und einiges an Lernaufwand.

Ich erinnere mich noch an das Bild des Studenten, das ich im Kopf hatte, wie ich einmal sein würde: Ich stellte mir einen ernsten jungen Mann im Trechncoat vor, der mit seiner Lehrertasche auf den Weg in die Universität war: Strebsam und intellektuell. Das Studium füllte mein Leben aus und das Leben war gut organisiert. Dass dieses Bild der Realität nicht entsprechen konnte war klar. Die Lehrertasche habe ich mir tatsächlich ab und an übergeschnallt, strebsam war ich zeitweise auch. Doch insgesamt war die Zeit, die ich in der Universität verbracht habe sehr kurz.

Studium heißt mehr als Wissensaneignung. Es ist in der Tat Bildung, Bildung einer Persönlichkeit, Entfaltung der eigenen Interessen, ein Stadium zwischen Jugend und Erwachsenenalter, dass in dem Spiel SIMS zurecht als eigene Alterstufe eingeführt wurde. Man musste sich zurechtfinden in dieser neuen Welt. Man wurde allein hineingeworfen in eine neue Stadt und einen neuen Lebensabschnitt. Man musste lernen selbstständig zu sein, Kontakte zu knüpfen, eine Wohnung oder Wohngemeinschaft zu meistern. Die Wissensaneignugn stand im Hintergrund. Das Studium bietet einem die Möglichkeit sich selbst neu zu entdecken und endlich der zu sein, der man ist und in der Schule nie sein konnte.

Semester 1: Alles ist geil 

Vorlesungen besuchte man anfangs recht häufig,  man versuchte mitzuschreiben und Wissen in sich aufzusaugen. Letztendlich stand jedoch die Uni im Hintergrund. Das erste Jahr bestand darin sich einen Freundeskreis aufzubauen, sich ein neues Zuhause zu bauen und seine eigene Rolle im studentischen Kreise festzulegen. Wir tranken viel und schliefen wenig, nie war ich so offen gegenüber Fremden Personen, wie im ersten Semester des Bachelors. Das WG-Leben war ein langes Event, man kochte zusammen, lud Freunde ein und ein jeder Tag war besonders. Es war ein riesiges Stück Anfangseuphorie. Insgesamt muss man jedoch sagen, wohnte ich an zwei Orten. Fast jedes Wochenende fuhr ich in die Heimat und pflegte die Kontake. Ich hatte einen Hauptwohnsitz und einen zweiten wollte ich bilden.

In der ersten Prüfungsphase lernte ich viel und lange. Ein jeder Tag war gut gefüllt mit Stoff und ich konnte ihn letztendlich in und auswendig. Als die Noten kamen wurde mir schnell klar: Eine 1 schaffe ich auch mit der Hälfte oder noch weniger Aufwand. Doch ich wollte alles wissen. Wenige Prüfungen habe ich geschoben, es war nur eine oder zwei - sogar ohne Gewissensbisse. Das erste psychologische Wissen ist inzwischen sehr verblasst. Dinge wie den Bystander-Effekt vergisst man natürlich nicht, doch gab es nur wenig so zentrales.

Den Beginn meiner ersten Semesterferien zögerte ich hinaus und lebte noch ein wenig in Innsbruck. Als ich in die Heimat zurückkehrte war ich in einer hocheuphorischen Stimmung und fühlte mich endlich als das was ich immer sein wollte: ein Student. Mehrere Wochen am Stück daheim zu sein schüttelte meine Gefühle durcheinander. Wo wollte ich sein, wo war mein Leben, waren 2 Hauptwohnsitze machbar? Ich versank im heimatlichen Freundeskreis und fuhr schweren Herzens zurück nach Innsbruck. Das erste Semester war hoch emotional, spannend und machte Lust auf mehr.

Semester 2: Studieren ist geiler

Das zweite Semester war ein wenig Desillusionierung: Zwei Hauptwohnsitze war nicht machbar. Emotional an zwei Orten gebunden zu sein war schmerzlich und sorgte für Streit. Innsbruck wurde mehr, die Heimat wurde weniger, die Wochenenden an denen ich zurückfuhr wurden seltener. So kam es zu einer Vertiefung der Freundschaften in Innsbruck, das Studium und die Vorlesungen wurden unwichtiger. Man besuchte nur mehr die Hälfte und das mit gutem Gewissen. Die Sonne strahlte und man entdeckte die Stadt im Sommer.

Die zweite Prüfungsphase stand im Motto der Aufschiebung: Im Oktober war auch noch Zeit. Der Spaß stand im Vordergrund, Prüfungen sollte zwar eine gute Note bringen, wann war jedoch egal. Man entdeckte erste Interessensgebiete in der Psychologie und freute sich auf das dritte Semester. Vorerst standen jedoch 3 Monate Ferien an.

Zurück in die Heimat im Sommer. Festzustellen waren die ersten Unterschiede zwischen einem selbst und den alten Menschen. Man fuhr in den Urlaub und für mich war es wie immer, für die anderen ein Event. Man stellte Differenzen in der Themenwahl fest, man merkte, dass es nicht mehr so passte wie früher. So folgte die Rückkehr nach Innsbruck bald. Einige Zeit verbrachte ich in Innsbruck, ein wenig mehr in der Heimat.

Semester 3: Prüfungen und Bier

Als das neue Semester begann wurde einem die schwindende Zeit bewusst. Waren wir wirklich schon ein Jahr in Innsbruck? Es kam mir vor als hätte ich gestern begonnen zu studieren. Da war so viel Euphorie, so viel Lust, eine immer tiefer werdendes Erkenntnisbegehren. Wir waren nicht mehr die Neuen, wir waren die Dritties, bereits da und doch nicht angekommen. Man trank noch immer viel und besuchte öfter Clubs. Die Kreise wurden spezifischer, Cliquen bildeten sich aus, erster Freundschaftsneid entstand, Menschen fühlten sich ausgeschlossen oder gut aufgehoben. Wir waren gleich, hatten die gleichen Vorstellungen von der Welt und diskutierten. Klischeestudenten waren wir. Daheim wurde noch weniger. Daheim sehnte sich nach mir, doch ich war lieber in Innnsbruck.

Die Aufenthalte in der Uni wurden weniger, zwei, vielleicht drei Vorlesungen besuchte ich. Es sickerte langsam durch, dass kein Bedarf bestand in der Uni zu sitzen, dass der Mehrwert eher gering war und man zur Fremdbeschäftigung neigte. Draußen gab es noch viel zu entdecken. Persönlichkeitswerdung stand im Vordergrund. Es gab ein erstes Seminar, Anwesenheitspflicht und wissenschaftliches Arbeiten. Beschäftigt war ich das ganze Semester mit Prüfungen, alle jene die ich im Sommer verschoben hatte. Prüfungen und Bier, so ließ sich das Semester zusammenfassen.

Man fing an Dinge zu verpassen in der Heimat. Die Semesterferien waren kurz und der Kopf war in Innsbruck, wenn es auch der Körper nicht war. Daheim war nicht mehr so wichtig und dennoch sehr wichtig. Der Hauptwohnsitz war nun in Innsbruck. Das gefiel nicht allen. Bei Gesprächen und Kontakt in der Heimat wurde klarer, dass man sich mehr und mehr in der Lebensweise unterschied. Man war nun Student und die anderen nicht.

Semester 4: Angekommen.

Das vierte Semester war Chaos. Emotionale Bindungen in Innsbruck waren anstrengenend, aber hatten sich ergeben. Streit mit Daheim entstand immer öfter. Wir gingen nie aus. Wann waren wir das letzte mal in einem Club? Die Zeit raste und wir saßen zusammengerobbt in kleinen Wohnungen. Wir tranken immernoch viel, die Bierdosen standen bis zur Decke. Der Hauptwohnsitz war endgültig in Innsbruck angekommen. Alles wurde normaler. Die Anfangseuphorie schwand.

Waren wir jemals in der Uni? Ich besuchte nur eine Vorlesungen und diese war nicht mal im Studienplan vorgesehen. Psychologie war interessant, ich lernte alles gerne, doch Vorlesungen besuchte ich nicht. Zeitverschwendung. Praktikant war ich, eine neue Rolle lernte ich. Ich baute ein Leben rund um die Uni auf und das führte zu Konflikten mit dem restlichen Leben. Prüfungen gab es ein paar. Schieben musste ich einige. Der Notenschnitt sank und es intessierte mich kaum.

Den Sommer verbrachte ich in Innsbruck. Ich hatte Praktikum. Die Stadt im Sommer war öde und leer und doch waren wir da. Es war unsere Stadt und wir arbeiteten. Man stand auf, ging arbeiten, aß und trank Abends zusammen und legte sich schlafen. Ganz früh und nochmal spät war ich in der Heimat, lag in der Sonne und genoss die alten Freundschaften. Ich war zu Besuch und merkte langsam, dass ich immer weniger dazu gehörte. Das schmerzte und trotzdem wehrte ich mich nicht.

Semester 5: Kater.

Im vorletzten Semester war ich Tutor. In der Zeit nach der Anfangseuphorie brauchte man Menschen, die einen in euphorische Stimmungen versetzten. Es klappte. Ich ging oft aus, kam spät nach hause. Der Kater wurde zum Lebensgefühl, sowohl der alkohol- als auch muskeltbedingte. Meine Clique war Normalität, wir machten nicht viel mit anderen, außer im Tutorium. Die Differenzen zwischen uns Fünfties wurden klarer, unsere Persönlichkeiten und Interessen waren eindeutiger abzugrenzen. Der große Mobb war wurde endgültig durch Kleingruppen abgelöst und Feindschaften waren bereits entstanden.

Die Bachelorarbeit stand im Vordergrund. Planung und Literaturrecherche. Ein paar Prüfungen schrieb ich nebenbei. Vorlesungen gab es eh kaum und sie waren auch nicht relevant. Anwesenheitspflichten mussten durchgestanden werden. Es war nicht mehr alles interessant. Die eigene Themenwahl wurde sehr spezifisch. Seminare wurden mehr. Uni wurde langsam aber sicher zur Pflicht und der Enthusiasmus sank. Die Noten waren gut. Die Zeit plätscherte dahin.

Das Ende des Semesters kam schnell und Semesterferien gab es kaum. Es war voll mit Planung. Heimataufenthalte gab es kaum und sie waren mehr ein anstrengender Kurzurlaub als Spaß. Ich hatte mich verändert und differenziert. ich war anders als meine Menschen daheim und dennoch verstanden wir uns. Die alten Themen funktionierten. Meine Abwesenheit wurde zunehmend akzeptiert.

Semester 6: Alltag.

Das sechste Semester war kurz und voll mit Alltag. WG-Alltag, Studiumsalltag, Freundschaftsalltag. Es gab kaum mehr Events, kaum mehr große, interessante Dinge. Wir hatten uns eingenistet und eingerichtet und verbrachten viel Zeit miteinander. Bier war ebenfalls Alltag. Langsam kam man sich vor wie ein Alkoholiker. Wir kochten viel und sahen fern. Wir gingen nicht aus. Wo waren die anderen Menschen geblieben? Wir sahen sie nicht, wir vermissten sie nicht.

Uni war nur mehr ein "Abhak"-Projekt: Letzte Seminare, letzte Prüfungen, die Bachelorarbeit abschließen. Ich erledigte alles mit mehr oder weniger vorhandenen Motivation. Die Lust auf das Bachelorstudium war vorbei. Die Sehnsucht zum Master war da. Man hatte seine eigenen Themen. Man hatte seine Spezialisierung langsam gefunden. Viele wollten nicht mehr zu breitgefächertes Wissen erhalten, nur mehr das, was einen selbst voranbringt. Die Persönlichkeitsbildung wirkt recht abgeschlossen, doch wahrscheinlich ist sie das nicht.

Blicke ich nun zurück so merke ich wie sich die Grundstimmung verändert hat, wie ich mich verändert habe. Die jugendlichte Leichtheit ist nicht gestorben, sie nimmt jedoch ab. Das Ende des Studiums ist in Sicht und ich bin in Innsbruck angekommen. Daheim zu sein ist komisch. Es ist wie ein wenig gelebte Vergangenheit und doch vollkommen anders. Die Zeit stand hier nicht still, die Menschen haben sich verändert. Was einmal war ist nicht mehr so. Wer weiß wo wir in ein paar Jahren stehen werden? Werden die Freundeskreise noch bestehen?

Ich bin nun also Bachelor of Science. Ein Abschluss der in Psychologie nicht viel wert ist. Dennoch bin ich stolz es so weit geschafft zu haben, stolz diesen Titel erlangt zu haben. Studium heißt Bildung und nicht Ausbildung: Das hat der Bachelor geschafft. Wir sind nicht fähig Menschen konkret zu helfen oder ihr Leben zu optimieren, wir wissen jedoch in welche Richtung es uns schlägt. Wir haben die für uns zentralen Kenntnisse erlangen können. Der Master ist der Weg, der uns in die Arbeit und damit ins Erwachsenalter führt. Man wird langsam alt.

Sonntag, 10. Mai 2015

Arbeit in der globalen Welt

Arbeitskraftunternehmerthese. Es ist das letzte Thema, das ich für die anstehende Prüfung zur Arbeits- und Organisationspsychologie lernen musste. Diese These sagt aus, dass der heutige Arbeiternehmer sich mehr selbst kontrollieren muss, sich mehr ökonomischen Prinzipien im gesamten Leben unterwerfen muss. Man muss sich fortwährend ausbilden, eine Humanressource sein, in der kalten globalisierten Welt.

Die Arbeitswelt hat sich verändert. Das ist keine Information ohne Neuigkeitswert. Doch es interessant, wie sie sich verändert hat. Zu Beginn der industriellen Revolution war der Mensch Proletariat. Man wurde komplett ausgebeutet zum Zwecke des Gewinns des Unternehmens. Da war nichts mit 40 Stunden Woche, nichts mit Urlaub oder Arbeitnehmerrechten. Doch es hat sich verändert. Die Rechte kamen, die Industrie wurde revolutioniert. Die klassische 40-Stunden Woche entstand, der Arbeiter hatte Rechte, Gewerkschaften waren da und forderten.

Heute im 21. Jahrhundert ist Globalisierung Realität. Globalisierung heißt leider Neoliberalismus: Öffnung von Märkten, globaler Handel, weltweite Konkurrenz. Das mag zunächst nicht schlecht klingen - ist es auch nicht - die Konsequenzen, die wir jedoch haben und noch haben werden sind schon enorm. Es wird privatisiert, Arbeitnehmergesetze werden gelockert, um international agieren zu können. Man muss flexibel sein. Zeitarbeit nimmt zu, mal braucht man mehr Menschen, mal weniger. Es ist wieder eine totale Ausbeutung der Einzelperson da. Der Unterschied ist dieses mal, dass wir das als Individualisierung sehen. Wir hassen es und lieben es doch gleichzeitig uns entscheiden zu können. Selbstverantwortung zu haben.

Doch ich sage das alles ist ein Problem. Wir Öffnen uns immer weiter, weil wir glauben, dass es keinen anderen Weg gäbe. Doch den gibt es. Wie es ihn auch damals gab in der industriellen Revolution. Ein Amerikaner mag das vielleicht anders sehen, oder ein Wirtschaftler. Doch Wirtschaft braucht Regeln. Wirtschaft braucht Gesetze und einen Staat. Der Markt regelt eben nichts. Der Markt muss kontrolliert werden. Nur dann kann eine Wirtschaft entstehen, die nachhaltig ist und der Ressource Mensch gerecht wird. Wenn es keine Regeln und Gesetze gibt, dann ist der pure Wettbewerb mit all seinen hässlichen Facetten die Konsequenz. Dann haben wir ihn, den Arbeitskraftunternehmer.

Freiheit bedeutet nicht Chaos und Ungezügeltheit, Freiheit bedeutet einen Rahmen zu Schaffen, in dem sich der Mensch selbst entfalten kann und entscheiden kann und eben nicht muss. Diese "neoliberale Freiheit", die wir immer weiter schaffen zerstört uns. Sie führt auch zu all den Konflikten, die wir haben. Die Leute suchen Schuldige, sie schimpfen auf den Staat, der sich der Wirtschaft unterwirft.

Wir brauchen eine neue wirtschaftliche Revolution, die die nötige Kontrolle über die Globalisierung gewährleistet. Dafür brauchen wir große Märkte, mit großen Kontrollorganen. Die Welt in der Zukunft muss eher kontinental als national gestaltet sein. Innerhalb eines Kontinents gibt es in der Regel fast alle nötigen Ressourcen. Innerhalb eines Kontinents kann man ein System schaffen, das Kontrolle hat und zu Wohlstand führt. Je kleiner eine Gruppe ist, desto mehr muss sie sich anpassen, um am globalen Markt eine Chance haben zu können. Die logische Konsequenz ist also größer zu werden, um individueller bleiben zu können.

Es ist weiteres Appell an Europa. Wir brauchen dieses System, diesen Gesamtstaat. Dann können wir endlich wieder gestalten, dann können wir uns dem Neoliberalismus entziehen. Dann können wir wieder eine soziale Marktwirtschaft werden.

Dienstag, 28. April 2015

Skizzerung meines psychologischen Menschenbildes

Das Ende des Bachelors naht und es wird Zeit für einige Reflexion. Durch die Erkenntnisse des Studiums kam es zu zahlreichen Veränderungen meines Menschenbildes, sodass es interessant erscheint einmal den aktuellen "Status Quo" zu skizzieren.

Modell des Alltagsmenschen.

Die obige hässliche Grafik skizziert mein Menschenbild im Alltag. Es besteht dabei aus verschiedenen Komponenten, die Zusammenwirken.

Im Zentrum, im Kopf, steht das Arbeitsgedächtnismodell von Cowan. Es besteht einfach gesagt aus dem Langzeitgedächnits (LZG). Ein Teil des LZG ist aktiviert, "zugriffsbereit". Diesen aktivierten Teil des LZG stellt der äußere Kreis innerhalb des Kopfs dar. Ein noch kleinerer Teil des LZG steht im Aufmerksamkeitsfokus. Dies ist der Teil, der uns gerade bewusst ist, z.B. Gedanken ein Bild auf das was wir uns konzentrieren. Dargestellt wird der Aufmerksamkeitsfokus als der innere Kreis.

Ein weiterer zentraler Punkt sind Wahrnehmungsprozesse. Die Augen stehen hierbei stellvertretend für jegliche Wahrnehmung, ob visuell, taktil, auditiv, innerkörperlich oder außerkörperlich. Wahrnehmungsprozesse stehen in Verbindung mit dem Aufmerksamkeitsfokus. Etwas, dass wir z.B. gerade mit dem Auge fixisieren steht im Aufmerksamkeitsfokus.

Ein dritter wichtiger Punkt sind Heuristiken. Der Mensch orientiert und entscheidet sich nicht nach dem besten Algorithmus. Dies wäre viel zu zeit- und energieaufwendig. Stattdessen nutzt man "Daumenregeln", um sich in der Welt zurechtzufinden.

Wie interagieren diese nun? Zunächst ist es wichtig sich Gedanken über das LZG zu machen. Im LZG sind verschiedenste Informationen abgespeichert. Diese können u.a. Faktenwissen darstellen, Wissen über Erlebnisse "episodisches Wissen" oder Wissen über Bewegungen. Am besten merkbar sind Prozesse, Gesetzmäßigkeiten, Abläufe, Regelen. Ein Beispiel wäre, dass man sich gut merken kann, wie eine Hebelwirkung funktioniert, die dahinterstehende mathematische Formel hingegen verblasst recht schnell. Heuristiken, Daumenregeln sind bestimmte einfache "Gesetzesmäßigkeiten", die unter der Voraussetzung von bestimmten Fakten funktionieren. Meine Annahme ist daher, dass das LZG v.a. aus Heuristiken und den Fakten bestehen, von denen die Gültigkeit der Heuristik abhängt.

Währenddessen wir uns durch die Welt bewegen, nehmen wir zahlreiche Informationen wahr. Mithilfe dieser Informationen kann das Gehirn Prognosen erstellen und uns auf mögliche Situationen vorbereiten. Der Begriff des Primings beschreibt in etwa diesen Prozess. Hierbei werden im Gedächtnis bestimmte Informationen "vorgeheizt", quasi aktiviert. Wenn wir beispielsweise einen Artikel über vegane Ernäherung lesen, so ist unser Wissen über Ernäherung "griffbereiter" als das Wissen über der Reperatur eines Automotors. Mithilfe von Priming erfolgt nun die Auswahl jener Bereiche im Gehirn, die für die aktuelle Situation von belang sein könnten("aktivierte Teile des LZG). Dieser Prozess ist uns vollkommen unbewusst.

Der aktivierte Teil des Gehirns hat wiederum Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung. So wird gesteuert, auf welche Reize der Umwelt besonders geachtet wird (Monitoring). Sind wir beispielsweise hungrig, so sind bestimmte Hirnregionen aktiviert. Dadurch nehmen wir Gerüche von Essen intensiver wahr.

Durch diese Wechselwirkung von Wahrnehmung und den aktivierten Teilen unserers LZG sind wir jederzeit auf wahrscheinliche Szenarien vorbereitet und orientieren uns bezüglich unserer Bedürfnisse, ohne dass wir aktiv darüber nachdenken müssen.

Natürlich besteht auch eine Wechselwirkung zwischen dem Aufmerksamkeitsfokus und der Wahrnehmung. Wenn wir beispielsweise die Nummer eines Freundes im Telefonbuch suchen, so richten wir unse Wahrnehmung aktiv darauf aus, diese zu finden. Es findet ein "Top-Down"-Prozess statt - vom Kopf nach außen.
Fällt jedoch ein Kind neben uns auf die Straße, so wird sofort unsere Aufmerksamkeit auf dieses Kind gerichtet. Es kommt zu einem "Bottom-Up"-Prozess - von außen in den Kopf.

Wie bereits erwähnt bereitet sich unser Gehirn jederzeit auf wahrscheinliche Veränderungen der Situation vor. So haben wir ein vorgeheiztes Repertoire an Verhaltensweisen, möglichen Handlunge, auf die wir ohne groß nachzudenken, also unmittelbar zurückgreifen können. Weiterhin können wir natürlich auch aktiv Handeln und uns für bestimmte Verhaltensweisen entscheiden. Dies ermöglicht der bewusste "Aufmerksamkeitsfokus".
Das Ergebnis der Handlung, oder auch die ganze Handlung wird dabei wahrgenommen und beeinflusst unseren Aufmerksamkeitsfokus.

Welche Rolle spielen nun die Heuristiken? Im Alltag handeln wir heuristisch. Wir denken nicht lange nach, was wir tun, wie wir uns bewegen, etc.. Das LZG als Menge von Heuristiken stellt nun Heuristiken für die jeweilige Situation zu Verfügung. In jedem Moment haben wir also die Heuristik zur Hand, die im aktuellen Moment, nach unserer bisherigen Erfahrung am brauchbarsten ist. So wird effektives Handeln und Orientierung möglich. Müssten wir tatsächlich immer erst aus unserem riesigen Wissenrepertoire die richtige Kombination von Wissenselementen finden, so wären wir im Alltag stark eingeschränkt. Ein Mensch, der erst nachdenken muss wie er handelt, wenn ihn ein Tiger angreift, ist ein toter Mensch.

Zusammenfassend lässt sich sagen: In jedem Moment, in dem wir uns durch die Welt bewegen findet jede Menge Aktivität im Hirn statt. Wir nehmen Informationen auf und verarbeiten sie. Damit dies schneller gelingt, ist immer eine gewisse Teilmenge des Gehirns vorgeheizt, um schnelleren Zugriff zu gewähren. Mithilfe von aktivierten Heuristiken können wir uns nun im Alltag zurechtfinden und funktionieren effektiv.

Abschließend sei bemerkt, dass Heuristiken natürlich zahlreiche Formen annehmen können. Eine negative kognitive Grundannahme wäre zum Beispiel auch eine Heuristik. Wenn wir beispielsweise der Ansicht sind, dass uns alle Menschen hassen, so führt diese Heuristik dazu, dass wir vermehrt Informationen aufnehmen, die darauf hinweisen, dass eine Person ein Problem mit uns hat.

Dieses "Modell" ist auch gut verträglich mit biologischen Korrelaten. Beispielsweise lässt sich schon kurz vor unserer Handlung Hirnaktivität beobachten. Diese kann man als Ergebnis des Primings betrachten. Heuristiken lassen sich auch als Netz von Neuronen begreifen. Die Synapsen wachsen und das Neuronennetz wird häufiger zum Einsatz kommen (Siehe Aritkel Spuren im Schnee).

Sonntag, 29. März 2015

Ist Bewusstsein ein brauchbares Konstrukt für die Psychologie?

Bewusstsein. Ein Begriff, ein Konstrukt mit vielen Bedeutungen: Wach sein, etwas wissen, wissen dass man existiert, etc.. In der Psychologie ist Bewusstsein ein viel benutzter Begriff. Schon Freud redete von Bewusst und unbewusst und auch noch vorbewusst. Heute hat Bewusstsein viel mit Aufmerksamkeit zu tun, wird teilweise mit ihr gleichgesetzt und ist trotzdem etwas anderes viel zentraleres.

Bewusstsein ist vor allem ein Begriff, der uns von anderen Wesen unterscheidet. Wir haben Bewusstsein. Tiere haben kein Bewusstsein. Bewusstsein macht uns zu etwas besonderem. Und das obwohl wir uns nicht einmal einig darüber sind worüber wir reden oder auch wie man Bewusstsein messen sollte. Der Rouge-Test? Setzt voraus, dass man sehen kann oder zumindest gut genug sehen kann. Dass ein Tier den Rouge-Test nicht besteht heißt noch lange nicht, dass es kein "Bewusstsein" besitzt - schließlich ist es doch wach, weiß sicherlich auch den Aufmerksamkeitsaspekt erfüllt er sicherlich locker.

Tiere müssen beweisen etwas zu haben, von dem wir selbst nicht beweisen können, dass wir es haben oder es überhaupt existent ist. Ist Bewusstsein also überhaupt ein Begriff und ein Konstrukt das der Psychologie dienlich ist? Ich wage es zu bezweifeln. Die Vorstellung des Bewusstseins ist mehr der verzweiflte Griff danach etwas besonderes zu sein, dass Körper und Geist zwei unterschiedliche Dinge sind und wir Menschen eine Seele besitzen und damit über dem seelenlosen, instinktiven Tieren stehen.

Auch die Unterscheidung bewusst/unbewusst ist lächerlich. Wo zieht man die Grenze? Bewusst und unbewusst sind allerhöchstens die beiden Extrempunkte einer Skala und selbst hierfür brauchen sie eine eindeutigere Definition. Wir spielen mit Begriffen, die wir nicht verstehen und sehen sie als unverzichtbar an.

In der Wissenschaft sollte man sich vom Konstrukt des Bewusstseins verabschieden. Es bringt uns nicht weiter, es hält uns nur auf. Das Bewusstsein ist ein Konstrukt, das älter ist wie die Psychologie und das wir nun zu fassen versuchen, obwohl wir es besser wissen. Unsere Bedürfnisse unseren "Geist" zu beschreiben können wir mit einem anderen Wort befrieden: Erleben. Psychologie ist die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben und eben nicht vom Verhalten und dem Bewusstsein.

Mittwoch, 11. Februar 2015

X verändert das Gehirn.

Immer und immer wieder lese ich in Zeitungen und Zeitschriften folgendes: "Blabla verändert das Gehirn" "bei blabla zeigen sich Veränderungen im Gehirn", etc.. Wenn sich etwas im Gehirn tut, wenn man bei einer Studie noch ein Bild des Gehirns präsentiert, dann kann man sich der Aufmerksamkeit sicher sein. Wie eine Dozentin von mir vor einer Weile bemerkte, gehört es schon einfach dazu noch ein Bild vom Gehirn zu zeigen, damit die Forschung wichtig wirkt.

Veränderungen im Gehirn lösen eine Faszination aus, als ob es etwas Göttliches wäre. Doch was soll sich denn sonst verändern? Was ist bitte besonders daran, dass sich Veränderungen im Gehirn zeigen? Diese Faszination zeigt, wie stark der Glaube an den Dualismus Körper/Geist verbreitet ist. Es ist als ob Körper und Geist immernoch etwas komplett unterschiedliches sei. Man kann sich wohl nicht eingestehen, dass es da nichts magisches, nichts übernatürliches gibt dort in unserem Geist.

Unser "Geist" und unser Gehirn sind dasselbe. Unsere Gedanken, unser Bewusstsein, sind nicht mehr als Hirnprozesse. Wenn man sich etwas merkt, dann verändert sich das Gehirn strukturell, um es wiederabrufbar zu machen. Noch mal: Geist und Gehirn sind nur zwei unterschiedliche Betrachtungsebenen ein und derselben Sache. Da ist nicht mehr. Da ist nichts Heiliges, nichts Magisches, nichts darüber hinaus.

Natürlich verändert sich etwas im Gehirn, wenn wir eine Kognitive Verhaltenstherapie absolvieren. Wo denn auch sonst? Wieso sollten keine "Änderungen" im Gehirn sichtbar werden? Wenn wir das Gehirn als Denk-, Handels-, Steuerzentrale ansehen, dann kann sich auch nur dort eine Veränderungen ebene jener Dinge(des Denkens, etc.) widerspiegeln.

Es ist fraglich, wie lange es dauern wird, bis der Mensch diesen Sachverhalt wirklich verinnerlicht hat, wirklich verstanden hat. Man verneint dadurch nicht die Ebene des Geistes, man raubt ihr lediglich ihre unabhängige Existenz. Wir brauchen zum Verständnis des Menschen verschiedene Ebenen, aber dennoch ist es wichtig sich in den Kopf zu rufen, dass es nur verschiedene Ebenen ein und derselben Sache sind. Gerade als Psychologie, Hirnforscher, Biologe, Neurowissenschaftler, etc. sollte es einen nicht vom Hocker reißen, wenn Veränderungen im Gehirn sichtbar werden. Das ist nichts besonderes, es ist völlig normal, wie der Tod am Ende des Lebens.

Montag, 5. Januar 2015

Positive Psychologie: Die "Everything is possible"-Sekte

Positive Psychologie ist eine Subkultur der Psychologie. Sie möchte eine Wissenschaft für den normalen Menschen im Alltag sein. Das Kernanliegen ist es, dass mehr auf die positiven Aspekte des Menschen geachtet wird, dass man seine Stärken fördert und zur Prävention von psychischen Störungen beiträgt.

An und für sich ist die Idee der Positiven Psychologie nicht schlecht. Die klassische "Psychologie" - zumindest stereotypisch - beschäftigt sich sehr viel mit Störungen. Wie entfernt man Störungen vom Menschen. Es geht darum, dass negative wegzubekommen, nicht aber das positive auszubauen. Die Menschen ihre persönlichen Stärken zu schulen und damit die Welt ein wenig besser zu machen ist sicherlich erstrebenswert. Die Verbesserung der gesellschaftlichen Bedingungen ist sogar ein ethischer Grundsatz der Psychologie.

Interessant sind hierbei z.b. das Undoing-Potenial: Durch das Erleben positiver Gefühle werden negative Gefühle schneller neutralisiert. Erlebt man häufig genug positive Gefühle kommt es zu einer Aufmerksamkeitserweiterung (Broaden-and-built Theory) und man kümmert sich um Ressourcen, die einem in Zukunft gut tun. Letztendlich erzeugt man somit eine Aufwärtspirale, bei dem es einem nach und nach immer besser geht.

Es gibt viele gute Ansätze, z.B. das sogenannte Flow-Erleben: Kommt es in einer Tätigkeit zu einer Passung zwischen Anforderung und Fähigkeit, so erlebt man diese Tätigkeit als zeitlos und super. Flow-Erleben führt zu guten Gefühlen und ist ein guter Ansatz für die Arbeitsoptimierung.

Es gibt allerdings zwei entscheidende Probleme, die die Positive Psychologie hat: Das erste sind neurotische Menschen und das andere der Kapitalismus.

Wer sucht im Internet nach Möglichkeiten, wie es einem besser geht? Natürlich nicht der funktioniernde Normalbürger, schließlich geht es ihm ja halbwegs gut. Neurotische, psychisch kranke Personen suchen nach Mitteln sich besser zu fühlen. Solche Menschen brauche aber Therapien und keine Anleitungen zum "noch glücklicher sein". Solche Menschen können eben nicht adäquat mit Methoden zur Glücksteigerung umgehen, eben weil sie psychisch krank sind. Das ist ja gerade der Kern einer psychischen Erkrankung: Man ist unfähig sich adäquat zu verhalten, unfähig Dinge normal zu sehen, unfähig funktional zu sein. Hier führen solche Methoden nur zu einer einzigen Sache: eine noch tiefere Depression.

Der Kapitalismus ist das sogar noch wichtigere Problem: Wir leben in einer Gesellschaft in der es um Maximierung und Profit geht. Glück und Liebe sind die Religionen unserer Zeit. Sie sollen einfach alles bringen: Sinn, ein gutes Leben, Gummibären, die vom Himmel fallen. Der Kaptialismus verkauft die Ideen der Positiven Psychologie und zeigt eben nicht ihre Grenzen auf. Glück scheint einmal machbar: Man muss es nur stark genug versuchen, man muss sich nur anstrengen und genug investieren und irgendwann werden alle Menschen glücklich sein.

Bullshit!

Schlechte Gefühle, Negativität gehört zum Leben dazu und ist höchst funktional. Das Streben nach Glück kann fast nur im Unglück enden. Ein leistungsgetrimmter Mensch, der darunter leidet, dass er leistungsgetrimmt ist, wird nicht dadurch glücklicher, dass er versucht möglichst viel für sein Glück zu leisten. Leid gehört zum Mensch-sein dazu. Es wird niemals eine perfekte Welt geben, in der niemand leiden muss, in der es allen immer super gut geht. Unser Körper ist nicht einmal dafür gemacht.

Zum Abschluss soll noch gesagt werden: Es gibt zwei grundlegenden Motivationssysteme im Körper: ein Annäherungs und ein vermeidendes System. Das vermeindene System wird immer da sein. Positive dinge und negative Dinge sind biologisch. Das wird nicht weg gehen und es ist auch wichtig. Wenn wir keine negativen Gefühle mehr empfinden können, sind wir schneller alle tot, als ein Stuhl in China umfällt.

Daher: Weg von der positiven Psychologie. Weg von einer Zentrierung des Guten. Wer nur nach Glück strebt, wird unglücklich sein.

Freitag, 2. Januar 2015

Studentischer Jahresrückblick: Jahr 2 im Bachelor

Nun schreiben wir das Jahr 2015. Das fünfte Semester nähert sich dem Ende und ich nähere mich dem Ende das Bachelors. Die Erhebungen für die Bachelorarbeit haben schon begonnen und es ist Zeit für einen Rückblick. Wie haben sich meine Ansichten verändert? Was fasziniert mich? Wohin will ich in der Psychologie?

Persönlichkeit/Identität:
Im Studium werden einen zahlreiche Persönlichkeitstheorien herangetragen und man merkt, dass es nicht so etwas wie die ultimative-alleserklärende Persönlichkeitstheorie gibt. Das Instanzenmodell von Freud ist nett, aber erklärt kaum etwas. Es kommt immer auf den Zweck des Modells an. Die Big 5 sind interessant, wenn es um reines neutrales beschreiben geht. Zur Verhaltensvorhersage sind Gruppenmodelle/Situatonsmodelle interessant. Wenn es um die Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit geht, dann scheint die Patchwork-Persönlichkeit passend zu sein. Zusammengefasst: Kein Thema, bei dem man eine endgültige Meinung vertreten könnte.

Genderdebatte:
Männer und Frauen unterscheiden sich geringfügig. Die Unterschiede innerhalb der Männerschaft und der Frauen sind gewaltig größer als zwischen den Geschlechtern. Man neigt jedoch dazu, bestimmte Stereotypen beim anderen Geschlecht zu bevorzugen. Männer haben sich nach außen orientiert zu verhalten, Frauen sollen mehr über Gefühle reden. Die Unterschiede sind erwünscht. Geschlecht ist und bleibt wohl eine zentrale Kategorie im menschlichen Leben.

Leib-Seele-Problem:
Der Geist, das Bewusstsein, wird vom Gehirn erzeugt. Die Trennung zwischen Körper und Geist erscheint uns natürlich und ist auch zweckdienlich in der Forschung, in der Therapie und auch im Alltag. Auch wenn das Bewusstsein letztendlich nur eine Produktion unserer Zellen ist, nicht mehr als elektrische Impulse im Gehirn, lässt es sich nicht auf biochemische Reaktionen reduzieren. Das Erleben, das Bewusstsein, der Inhalt ist fast ein Fachgebiet für sich selbst. Man kann nur hoffen, dass sich die Psychologie nicht teilen wird und man endgültig anerkennt, dass es beides bedarf: Forschung zum Körper, wie auch zum Geist.

Welche Themen faszinieren mich?
Ein Schlagwort: Selbsterfüllende Prophezeihungen. Überzeugungen, Glauben, etc. in ihren verschiedensten Ausprägungen leiten uns und lassen uns die Welt unterschiedlich wahrnehmen. Unsere Wahrnehmung ist immens subjektiv und auf unsere aktuellen Bedürfnisse und aktivierten Skripts verzerrt. Weiterhin natürlich Gruppen. Der Mensch ist immens gruppenabhängig. Wir haben nicht nur eine, sondern zahlreiche Persönlichkeiten, die sich in Abhängigkeit des Kontexts, insbesondere der Personen um uns herum zeigen. Und das Gehirn: Zu verstehen, wie sehen funktioniert, wie verschiedene Schichten, das zusammenfallen von Neuronen, quasi Kabeln zu etwas so komplexen wie unserer Wahrnehmung werden kann, verändert die Sicht der Welt enorm.

Welchen Fächern fühle ich mich am nahsten?
Die Sozialpsychologie bleibt wichtig. Doch mein Praktikum in der Allgemeinen Psychologie und Vorlesungen in der biologischen Psychologie haben mich wieder den Grundlagenfächern näher gebracht.

Wo sehe ich meine Zukunft in der Psychologie?
Ich möchte in die Forschung. Selbst meinen Teil beitragen. Die Welt immer noch ein Stückchen besser verstehen. Es braucht ein fundiertes Wissen, um die Welt zu verändern. Und irgendwann werde ich meinen Einfluss nehmen.

Eines lässt sich ganz sicher feststellen: Auch nach 2,5 Jahren Psychologie ist mein Enthusiasmus für dieses Fach nicht zu bremsen. Ich liebe dieses Fach.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Ess mal ein Snickers

"Ess mal ein Snickers. Immer wenn du hungrig bist, wirst du zur Diva."  Snickers-Werbung 2013.

Du bist nicht du, wenn du hungrig bist. Hinter dem Snickersslogan vom Jahre 2013 und auch 2014 steckt psychologische Wahrheit: Ein zu geringer Glucosewert erschwert die Selbstkontrolle.

Glucose, Zucker, ist ein wichtiger Baustein des Körpers. Bei Tätigkeiten, die Selbstkontrolle erfordern, sei es nun ein "sich zusammenreißen", sich zu konzentrieren, bestimmten Versuchungen zu widerstehen, etc. wird Glucose verbraucht. Mit abnehmender Glucose im Blut schwinden auch die Fähigkeiten sich selbst zu regulieren.

Selbstregulationsfähigkeiten sind enorm wichtig für den Menschen. Anders als man erwarten würde, ist nicht ein hoher Selbstwert, sondern hohe Selbstregulationsfähigkeiten ausschlaggebend für das persönliche Wohlbefinden. Selbstkontrolle, Selbstregulation verhindern weiterhin auch depressive Gedanken und halten somit den Geist gesund.

Zum Abschluss sei gesagt: Seinen Blutzucker hoch genug zu halten ist wichtig. Also verzichtet nicht aufs Frühstück oder andere Mahlzeiten, sondern gönnt euch das Essen und freut euch darüber, dass ihr etwas gutes für eure Psyche und euer Leben tut.


Sonntag, 9. November 2014

Weitere Schritte in der Wissenschaft: Forschungspraktikum in der Allgemeinen Psychologie

Diesen Sommer stand das Pflichtpraktkum im Bachelorstudium an. Bedingt durch meine Forschungsinteresse habe ich mir hierfür ein Praktikum an der Universität ausgesucht. Zur Auswahl standen für mich die Fachbereiche Sozialpsychologie und Allgemeine Psychologie, die Sozialpsychologie aufgrund meiner Interesse an Gruppen und die Allgemeine Psychologie, weil sie die Grundlagen der Grundlagenfächer bereit hält. Die Entscheidung viel eher zufällig, da sich die Möglichkeit in der Allgemeinen Psychologie schneller bot.

Nun, wie war das nun mit dem Bewerbungsprozess? Letztendlich bin ich in die Sprechstunde meines Professors gegangen und habe ihn gefragt, ob man ein Praktikum machen kann. Er informierte sich bei seinen Kollegen, ich wurde noch einmal kurz im Plenum der Allgemeinen Psychologie befragt und schon hatte ich meinen Platz.

Ich unterstützte nun einen Dozenten bei seiner Forschung. Ihn selbst kannte ich bereits von einer Vertiefungsveranstaltung zur Kognitionspsychologie. Thema der Forschung war "Second Condition Order Learning": Hierbei tauchen auf dem Monitor Punkte an verschiedenen Positionen auf, mithilfe der letzten beiden Positionen lässt sich die nächste Position ermitteln. Was hier sehr trocken klingt, ist es in der Tat auch. Es dauerte auch eine Weile bis ich genau verstand, worum es eigentlich ging.

Anfangs beschäftigte ich mich mit Literaturrecherche. Allgemeinpsychologische Texte gehören zu den anspruchsvolleren Texten in der Psychologie. Schwierig wird es gerade bei einem Thema, dass man sich nicht wirklich gut vorstellen kann. Dass die Literatur auf Englisch war, machte es zugegeben nicht gerade angenehmer sich hier durchzuarbeiten. Die meiste Zeit war ich nur damit beschäftigt mich zu fragen, wovon zur Hölle diese Artikel genau handeln und wo sich die verschiedenen Artikel jetzt unterscheiden. Rückblickend lässt sich festhalten, dass ich erst nachdem ich die Studie geplant hatte verstand, worum es ging.

Der nächste Schritt, die Planung der Studie, war wesentlich angenehmer und bereitete mir auch viel Spaß. Zunächst musste ich mich in das Programm "E-Prime" einarbeiten.  E-Prime ist ein Programm zur Erstellung von Experimenten auf dem PC. Man kann hierbei verschiedenes Stimulusmaterial(Bilder, Töne, Videos, etc.) einbauen und hunderte von Einstellungen vornehmen. Für sehr anspruchsvolle Experimente existiert zudem die Möglichkeit mithilfe von Programmiersprache(E-Basic) Modifikationen vorzunehmen.
Ich erstellte nun das Experiment und lernte, worauf es in der Programmierung an kam: Es geht nicht nur darum, dass alles flüssig läuft, sondern auch um die richtige Anordnung, darum die richtigen Variablen zu verwenden, man muss auf den Output achten, da man sonst letztendlich nicht die richtigen Daten bekommt, um die Studie so auszuwerten, wie man möchte.

Bei der Durchführung der Studie fungierte ich als Versuchsleiter. Menschen zuzusehen, wie sie vor dem PC sitzen und sehr anstrengende Tasks bearbeiten ist weniger unterhaltsam, wie man glaubt. Da wir jedoch mithilfe von IAPS eine bestimmte Stimmung induzierten, konnte man immerhin ein wenig Veränderung bei den jeweiligen Probanden von außen feststellen(angewiderte Gesichter, Verzweiflung, etc.). Die Durchführung verlief letztendlich ohne große Probleme. Probanden gab es genug, da mein Dozent die Studenten aus seinen LVs gewinnen konnte.

Dann kam die Auswertung: Die Studie umfasste 15 Blöcke mit jeweils 72 Trials, bei 72 Probanden sind das fast 78.000 Trials, die es zu auswerten gab. Zunächst musste der Datensatz aufbereitet werden, um ihn überhaupt verwenden zu können. Ich saß sehr lange Zeit vor SPSS und überlegte, wie ich bestimmte Variablen erstellen konnte und Ausreißer eliminieren. Mithilfe des Internets, meinen bis dato grundlegenden SPSS Kenntnissen und der Hilfe von einem Dozenten gelang es mir den Datensatz durchzuarbeiten.
Unsere Hypothese, dass die induzierte Stimmung einen Einfluss auf eine bestimmte Art von Fehlern hatte, ließ sich fürs erste nicht bestätigen. Aktuell wird die Hypothese mithilfe einer anderen Methode noch einmal geprüft - und bisher wurden auch nur schlecht gelaunte Probanden mit neutral gelaunten Probanden vergleichen, dass sich die Hypothese doch noch wenigstens teilweise bestätigen lässt, ist also noch möglich.

Nun: Was lässt sich festhalten zu meinem Praktikum? Ich habe sehr viele wichtige Erfahrungen gesammelt bezüglich was Wissenschaft bedeutet, wie man rangeht, was sich umsetzen lässt, etc. Bei der Auswertung merkte ich auch, dass ich bestimmte Dinge hätte besser antizipieren müssen, sodass die Auswertung leichter vonstatten geht. Ich habe festgestellt, dass auch ein fürs erste wenig spannend klingendes Thema in der Ausführung und Erforschung spannend werden kann.
Und das wichtigste: Das Praktikum hat mich in meinem Wunsch danach Forschung zu betreiben bestätigt. Es hat Spaß gemacht und wird auch noch eine Weile bestand meines Studiums bleiben.

Die Studie möchte mein Dozent bei einem Kongress einreichen, zu dem ich ihn begleiten kann, falls die Studie angenommen wird. Weiterhin wird mein Name im Artikel erscheinen, sodass ich meine erste Publikation erreicht habe. Meinem Dozenten kann ich nur Wertschätzung entgegebenbringen, da er ein freundlicher, kompetenter und wertschätzender Mensch ist.

Ich bin nun also Wissenschaftler. Es bleibt spannend, wie sich meine weiterer Weg gestalten wird.

Freitag, 31. Oktober 2014

Das Di- oder gar Trilemma der Motive

Motivation. Jeder hat etwas, dass ihn antreibt. Diese Tatsache wird in den Raiffeisenbankwerbungen klassischerweise dargestellt. Doch was ist das, diese Motivation? Psychologisch betrachtet meint es eine über eine bestimmte Zeit andauernde Tendenz des Verhaltens in eine bestimmte Richtung in einer bestimmten Intensität.

Unsere Motivation ist geprägt durch Motive, Ziele, die wir erreichen wollen. Grundsätzlich unterscheidet man drei grundlegende Motive: Das Leistungsmotiv, das Anschlussmotiv und das Machtmotiv.

Das Leistungsmotiv wird definiert als das Streben danach, sich mit seinem eigenen Gütestandard auseinanderzusetzten und seine Leistung gegebenfalls zu erhöhen. Leistungsmotivierte Menschen wollen etwas gut, besser oder sogar am besten machen.

Das Anschlussmotiv zeigt im Bedürfnis nach Vertrautheit, nach Geselligkeit. Man strebt nach den Gefühlen von Geborgenheit und Zugehörigkeit.

Das Machtmotiv ist das Streben nach Beeinflussung anderer Menschen. Es zeigt sich in einem Streben nach Kontrolle und Überlegenheit. Es geht um Zugang zu Ressourcen und Kontrolle anderer Menschen.

Alle diese Motive sind bei einem Menschen mehr oder minder stark ausgeprägt. Sie sind heruntergebrochen das wonach wir langfristig streben, gewisserweise haben sie einen Charakter von Lebenszielen. Alle drei Motive können Hand in Hand gehen, sie können jedoch auch in Gegensätzlichkeit zueinander stehen.

Während das Leistungsmotiv sich wohl gut mit den jeweils anderen verbinden lässt (Steigerung der zwischenmenschlichen bzw. führungstechnischen Kompetenzen) ist das Macht- und Anschlussmotiv nicht ganz so einfach vereinbar. Ein Mensch der gleichzeitig sehr anschluss- und machtmotiviert ist steht vor dem Problem, dass Macht und Überlegenheit teilweise sehr widersprüchlich zu Geborgenheit und Zugehörigkeit sein kann. Geborgensein, das heißt sich fallen zu lassen, eben einmal nicht überlegen und kräftig sein zu müssen. Zugehörigkeit zeigt sich meistens in der Anpassung an andere, nicht an der Anpassung anderer.

Man muss sich wohl entscheiden, ob man primär seinem Macht- oder seinem Anschlussmotiv nachgeht. Beide Motive haben starken Einfluss auf die Entwicklung des eigenen Lebens. Jemand der stark machtmotivier ist, wird z.B. eher eine Führungsposition in der Gesellschaft anstreben. Das ist verbunden mit wenig Freizeit für andere, wenig Ressourcen seinem Bedürfnis nach Geborgenheit nachzugehen. Ein anschlussmotivierter Mensch wird vermutlich zu viel Zeit mit anderen Menschen verbringen, zu sehr darauf beharren bei bestimmten Menschen zu bleiben und es ihnen recht zu machen, als dass er jemand "Großes" werden könnte.

Ich persönlich finde es schwer sich in unserer Welt für eine Richtung zu entscheiden. Hollywood vermittelt das Bedürfnis nach der reinen Beziehung, nach Familie und emotionalen Wohlbefinden. Gleichzeitig ist man gefordert in der heutigen Gesellschaft viel zu leisten und aufzusteigen. Das Bedürfnis, die Welt zu verbessern ist oft vorhanden, wie soll das möglich sein, ohne andere Menschen zu beeinflussen?

Ich selbst, ein Beispiel von Bedürfnis nach Veränderung der Welt, stehe vor diesem Dilemma. Wonach richtet man sich aus? Womit beschäfigt man sich schwerpunktmäßig? Wie groß und einflussreich kann man werden, wenn man gleichzeitig gemütlich auf den Land, im eigenen Haus mit der einer netten Frau und tollen Familie wohnen möchte? Wo sind die Grenzen gegeben?

Die Frage ist, kann man nur den einen Weg gehen, ohne einen Teil von sich selbst zu verlieren? Kann man im Sterbebett damit zurechtkommen, dass man nicht der wurde, der man werden wollte? In den 20er Jahren seines eigenen Lebens muss man herausfinden, wo man hin möchte und was man dafür in Kauf nehmen muss. Wohin wird mich mein Leben führen? Wie werde ich mich entscheiden, oder werde ich mich überhaupt entscheiden? Es bleibt spannend.

In Beiträgen wie diesen, zeigt sich wieder die Möglichkeit eines Psychologiestudenten Vorgänge im eigenen und Leben von anderen besser zu beschreiben und zu verstehen.