Sonntag, 10. Mai 2015

Arbeit in der globalen Welt

Arbeitskraftunternehmerthese. Es ist das letzte Thema, das ich für die anstehende Prüfung zur Arbeits- und Organisationspsychologie lernen musste. Diese These sagt aus, dass der heutige Arbeiternehmer sich mehr selbst kontrollieren muss, sich mehr ökonomischen Prinzipien im gesamten Leben unterwerfen muss. Man muss sich fortwährend ausbilden, eine Humanressource sein, in der kalten globalisierten Welt.

Die Arbeitswelt hat sich verändert. Das ist keine Information ohne Neuigkeitswert. Doch es interessant, wie sie sich verändert hat. Zu Beginn der industriellen Revolution war der Mensch Proletariat. Man wurde komplett ausgebeutet zum Zwecke des Gewinns des Unternehmens. Da war nichts mit 40 Stunden Woche, nichts mit Urlaub oder Arbeitnehmerrechten. Doch es hat sich verändert. Die Rechte kamen, die Industrie wurde revolutioniert. Die klassische 40-Stunden Woche entstand, der Arbeiter hatte Rechte, Gewerkschaften waren da und forderten.

Heute im 21. Jahrhundert ist Globalisierung Realität. Globalisierung heißt leider Neoliberalismus: Öffnung von Märkten, globaler Handel, weltweite Konkurrenz. Das mag zunächst nicht schlecht klingen - ist es auch nicht - die Konsequenzen, die wir jedoch haben und noch haben werden sind schon enorm. Es wird privatisiert, Arbeitnehmergesetze werden gelockert, um international agieren zu können. Man muss flexibel sein. Zeitarbeit nimmt zu, mal braucht man mehr Menschen, mal weniger. Es ist wieder eine totale Ausbeutung der Einzelperson da. Der Unterschied ist dieses mal, dass wir das als Individualisierung sehen. Wir hassen es und lieben es doch gleichzeitig uns entscheiden zu können. Selbstverantwortung zu haben.

Doch ich sage das alles ist ein Problem. Wir Öffnen uns immer weiter, weil wir glauben, dass es keinen anderen Weg gäbe. Doch den gibt es. Wie es ihn auch damals gab in der industriellen Revolution. Ein Amerikaner mag das vielleicht anders sehen, oder ein Wirtschaftler. Doch Wirtschaft braucht Regeln. Wirtschaft braucht Gesetze und einen Staat. Der Markt regelt eben nichts. Der Markt muss kontrolliert werden. Nur dann kann eine Wirtschaft entstehen, die nachhaltig ist und der Ressource Mensch gerecht wird. Wenn es keine Regeln und Gesetze gibt, dann ist der pure Wettbewerb mit all seinen hässlichen Facetten die Konsequenz. Dann haben wir ihn, den Arbeitskraftunternehmer.

Freiheit bedeutet nicht Chaos und Ungezügeltheit, Freiheit bedeutet einen Rahmen zu Schaffen, in dem sich der Mensch selbst entfalten kann und entscheiden kann und eben nicht muss. Diese "neoliberale Freiheit", die wir immer weiter schaffen zerstört uns. Sie führt auch zu all den Konflikten, die wir haben. Die Leute suchen Schuldige, sie schimpfen auf den Staat, der sich der Wirtschaft unterwirft.

Wir brauchen eine neue wirtschaftliche Revolution, die die nötige Kontrolle über die Globalisierung gewährleistet. Dafür brauchen wir große Märkte, mit großen Kontrollorganen. Die Welt in der Zukunft muss eher kontinental als national gestaltet sein. Innerhalb eines Kontinents gibt es in der Regel fast alle nötigen Ressourcen. Innerhalb eines Kontinents kann man ein System schaffen, das Kontrolle hat und zu Wohlstand führt. Je kleiner eine Gruppe ist, desto mehr muss sie sich anpassen, um am globalen Markt eine Chance haben zu können. Die logische Konsequenz ist also größer zu werden, um individueller bleiben zu können.

Es ist weiteres Appell an Europa. Wir brauchen dieses System, diesen Gesamtstaat. Dann können wir endlich wieder gestalten, dann können wir uns dem Neoliberalismus entziehen. Dann können wir wieder eine soziale Marktwirtschaft werden.

Dienstag, 28. April 2015

Skizzerung meines psychologischen Menschenbildes

Das Ende des Bachelors naht und es wird Zeit für einige Reflexion. Durch die Erkenntnisse des Studiums kam es zu zahlreichen Veränderungen meines Menschenbildes, sodass es interessant erscheint einmal den aktuellen "Status Quo" zu skizzieren.

Modell des Alltagsmenschen.

Die obige hässliche Grafik skizziert mein Menschenbild im Alltag. Es besteht dabei aus verschiedenen Komponenten, die Zusammenwirken.

Im Zentrum, im Kopf, steht das Arbeitsgedächtnismodell von Cowan. Es besteht einfach gesagt aus dem Langzeitgedächnits (LZG). Ein Teil des LZG ist aktiviert, "zugriffsbereit". Diesen aktivierten Teil des LZG stellt der äußere Kreis innerhalb des Kopfs dar. Ein noch kleinerer Teil des LZG steht im Aufmerksamkeitsfokus. Dies ist der Teil, der uns gerade bewusst ist, z.B. Gedanken ein Bild auf das was wir uns konzentrieren. Dargestellt wird der Aufmerksamkeitsfokus als der innere Kreis.

Ein weiterer zentraler Punkt sind Wahrnehmungsprozesse. Die Augen stehen hierbei stellvertretend für jegliche Wahrnehmung, ob visuell, taktil, auditiv, innerkörperlich oder außerkörperlich. Wahrnehmungsprozesse stehen in Verbindung mit dem Aufmerksamkeitsfokus. Etwas, dass wir z.B. gerade mit dem Auge fixisieren steht im Aufmerksamkeitsfokus.

Ein dritter wichtiger Punkt sind Heuristiken. Der Mensch orientiert und entscheidet sich nicht nach dem besten Algorithmus. Dies wäre viel zu zeit- und energieaufwendig. Stattdessen nutzt man "Daumenregeln", um sich in der Welt zurechtzufinden.

Wie interagieren diese nun? Zunächst ist es wichtig sich Gedanken über das LZG zu machen. Im LZG sind verschiedenste Informationen abgespeichert. Diese können u.a. Faktenwissen darstellen, Wissen über Erlebnisse "episodisches Wissen" oder Wissen über Bewegungen. Am besten merkbar sind Prozesse, Gesetzmäßigkeiten, Abläufe, Regelen. Ein Beispiel wäre, dass man sich gut merken kann, wie eine Hebelwirkung funktioniert, die dahinterstehende mathematische Formel hingegen verblasst recht schnell. Heuristiken, Daumenregeln sind bestimmte einfache "Gesetzesmäßigkeiten", die unter der Voraussetzung von bestimmten Fakten funktionieren. Meine Annahme ist daher, dass das LZG v.a. aus Heuristiken und den Fakten bestehen, von denen die Gültigkeit der Heuristik abhängt.

Währenddessen wir uns durch die Welt bewegen, nehmen wir zahlreiche Informationen wahr. Mithilfe dieser Informationen kann das Gehirn Prognosen erstellen und uns auf mögliche Situationen vorbereiten. Der Begriff des Primings beschreibt in etwa diesen Prozess. Hierbei werden im Gedächtnis bestimmte Informationen "vorgeheizt", quasi aktiviert. Wenn wir beispielsweise einen Artikel über vegane Ernäherung lesen, so ist unser Wissen über Ernäherung "griffbereiter" als das Wissen über der Reperatur eines Automotors. Mithilfe von Priming erfolgt nun die Auswahl jener Bereiche im Gehirn, die für die aktuelle Situation von belang sein könnten("aktivierte Teile des LZG). Dieser Prozess ist uns vollkommen unbewusst.

Der aktivierte Teil des Gehirns hat wiederum Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung. So wird gesteuert, auf welche Reize der Umwelt besonders geachtet wird (Monitoring). Sind wir beispielsweise hungrig, so sind bestimmte Hirnregionen aktiviert. Dadurch nehmen wir Gerüche von Essen intensiver wahr.

Durch diese Wechselwirkung von Wahrnehmung und den aktivierten Teilen unserers LZG sind wir jederzeit auf wahrscheinliche Szenarien vorbereitet und orientieren uns bezüglich unserer Bedürfnisse, ohne dass wir aktiv darüber nachdenken müssen.

Natürlich besteht auch eine Wechselwirkung zwischen dem Aufmerksamkeitsfokus und der Wahrnehmung. Wenn wir beispielsweise die Nummer eines Freundes im Telefonbuch suchen, so richten wir unse Wahrnehmung aktiv darauf aus, diese zu finden. Es findet ein "Top-Down"-Prozess statt - vom Kopf nach außen.
Fällt jedoch ein Kind neben uns auf die Straße, so wird sofort unsere Aufmerksamkeit auf dieses Kind gerichtet. Es kommt zu einem "Bottom-Up"-Prozess - von außen in den Kopf.

Wie bereits erwähnt bereitet sich unser Gehirn jederzeit auf wahrscheinliche Veränderungen der Situation vor. So haben wir ein vorgeheiztes Repertoire an Verhaltensweisen, möglichen Handlunge, auf die wir ohne groß nachzudenken, also unmittelbar zurückgreifen können. Weiterhin können wir natürlich auch aktiv Handeln und uns für bestimmte Verhaltensweisen entscheiden. Dies ermöglicht der bewusste "Aufmerksamkeitsfokus".
Das Ergebnis der Handlung, oder auch die ganze Handlung wird dabei wahrgenommen und beeinflusst unseren Aufmerksamkeitsfokus.

Welche Rolle spielen nun die Heuristiken? Im Alltag handeln wir heuristisch. Wir denken nicht lange nach, was wir tun, wie wir uns bewegen, etc.. Das LZG als Menge von Heuristiken stellt nun Heuristiken für die jeweilige Situation zu Verfügung. In jedem Moment haben wir also die Heuristik zur Hand, die im aktuellen Moment, nach unserer bisherigen Erfahrung am brauchbarsten ist. So wird effektives Handeln und Orientierung möglich. Müssten wir tatsächlich immer erst aus unserem riesigen Wissenrepertoire die richtige Kombination von Wissenselementen finden, so wären wir im Alltag stark eingeschränkt. Ein Mensch, der erst nachdenken muss wie er handelt, wenn ihn ein Tiger angreift, ist ein toter Mensch.

Zusammenfassend lässt sich sagen: In jedem Moment, in dem wir uns durch die Welt bewegen findet jede Menge Aktivität im Hirn statt. Wir nehmen Informationen auf und verarbeiten sie. Damit dies schneller gelingt, ist immer eine gewisse Teilmenge des Gehirns vorgeheizt, um schnelleren Zugriff zu gewähren. Mithilfe von aktivierten Heuristiken können wir uns nun im Alltag zurechtfinden und funktionieren effektiv.

Abschließend sei bemerkt, dass Heuristiken natürlich zahlreiche Formen annehmen können. Eine negative kognitive Grundannahme wäre zum Beispiel auch eine Heuristik. Wenn wir beispielsweise der Ansicht sind, dass uns alle Menschen hassen, so führt diese Heuristik dazu, dass wir vermehrt Informationen aufnehmen, die darauf hinweisen, dass eine Person ein Problem mit uns hat.

Dieses "Modell" ist auch gut verträglich mit biologischen Korrelaten. Beispielsweise lässt sich schon kurz vor unserer Handlung Hirnaktivität beobachten. Diese kann man als Ergebnis des Primings betrachten. Heuristiken lassen sich auch als Netz von Neuronen begreifen. Die Synapsen wachsen und das Neuronennetz wird häufiger zum Einsatz kommen (Siehe Aritkel Spuren im Schnee).

Sonntag, 26. April 2015

Das ungenutzte Potential der studentischen Macht

Studenten zetteln Revolutionen an. Zumindest lernt man das so.
Warum tun wir das dann eigentlich nicht mehr?

Gründe gäbe es genug:

Grund 1: Bafög.
Das Bafög ist ein Witz. Knapp 600 Euro sollen laut der Regierung ausreichen, um als Student zu leben. 600 Euro. In welcher Studentenstadt kommt man schon gut mit 600 Euro zurecht? Theoretisch ist das Bafög ja dazu gedacht auch Lehrmittel, wie Bücher zu kaufen. Bei Mietpreisen von 350 Euro oder mehr kann man da nur lachen. Es sind sage und schreibe 225 Euro für die Miete vorgesehen.
In welcher Stadt kann man bitte für 225 Euro leben ohne in einer 10 m² Baracke zu leben?
Und v.a. in welcher Stadt kann man das großflächig?

Und da sind wir auch schon bein nächsten Grund.

Grund 2: Mietpreise.
Es ist abartig was man für eine Wohnung zahlen muss. Ich selbst mag in Innsbruck wohnen, das allgemein ein teures Pflaster ist, aber dieses Problem gibt es ja auch über all anders. Es kann doch nicht sein, dass 2/3 des Geldes, das man zur Verfügung hat schon weg sind, wenn man gerade einmal seine Warmmiete, Internet und GIS(GEZ)-Gebühren gezahlt hat. Es soll einmal eine Zeit gegeben haben, in der Staaten sozialen Wohnungsbau betrieben haben. Warum tut man das denn heute nicht mehr großflächig? Warum verkauft man Wohnungen Privatleute? Staatliche/städtische Wohnungen müssen doch eine wunderbare Einnahmequelle sein.

Grund 3: Masterzugang.
Ein Bachelor ist ein Witz. Ich bin nun kurz dem Ende des Bachelor in Psychologie und habe einen Scheiß für die Anwendung gelernt. Logischerweise. Schließlich muss man erst einmal Grundlagen haben, bevor man sie anwenden kann. Doch ich brauche den Master, um arbeiten zu können. Da gibts keine Ausrede. Es kann nicht sein, dass man auch bei Masterbewerbungen Schnitte von 1,5 braucht. Und man selbst ist dann wieder der Gearschte, der seinen Abschluss jahrelang hinausziehen muss. Die Gesellschaft dankt es einem mit dem schönen Wort "Schmarotzer".

Es gibt natürlich noch viele weitere Gründe auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, zu protestieren, Steine auf den Bundestag zu werfen. Doch warum tun wir es nicht? Sind wir zu "zivilisiert"? Haben wir Angst? Wir sind immerhin 2,6 Mio. Menschen. Knapp 3 % der Gesellschaft. Mit Unterstützung von Schülern und Azubis können wir locker in den Bundstag einziehen.

Warum tun wir es nicht? Warum ziehen wir nicht auf die Straße und schreien den Frust hinaus? Warum nutzen wir nicht die Macht die wir haben? Wir sind viele. Wir sind die Zukunft. Sind wir zu faul oder zu unmotiviert? Woran liegt es, dass wir so unmotiviert sind?

Samstag, 25. April 2015

Es fehlt Europa

Politisch interessiert zu sein, bedeutet sich mit seiner Welt auseinanderzusetzen.

Europa ist Realität. Mag es auch viele gerade ältere Mitbürger geben, die in der Vergangenheit leben, so ist es unbestreitbar. Was schert noch was in Berlin passiert oder in Athen? Wir leben in einem riesigen gemeinsamen Land. Dieses Land mag seine kulturellen Unterschiede haben, doch uns verbindet vieles: die Vergangenheit - die Geschichte, die Gegenwart - die Wirtschaft, die Zukunft - der Klimawandel, um nur drei Beispiele zu nennen.

Es gibt kaum lokale Krisen mehr. Alle wichtigen Krisen sind globale, internationale Krisen: Klimawandel, demografischer Wandel, Ressourenmangel, Wirtschaftskrisen, etc.. Lokal zu denken ist oft Fehl am Platz und dennoch so verbreitet. Es fehlt an europäischen Meinungsmachern.

Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Der erste Satz aus der deutschsprachigen Version von Edward Bernays Buch "Propaganda" spricht wahre Worte. Heute gibt es kaum noch große Autoriäten, die die Meinung bilden. Es gibt Organisationen, Zeitungen, politsche Parteien, Lobbys, und viele weiteren, die zur Meinungsbildung da sind. Und es ist nötig. Ohne breitflächige Meinungen und Einstellungen gibt es keine Richtung, keinen Weg.

Und hier sind wir bei einem grundsätzlichen Problem Europas. Es gibt kaum solche europäischen Meinungsmacher. Und die die es gibt kennt kaum wer. Wir sind so beschäftigt mit unseren nationalen Gedanken, dass wir das europäische nicht sehen. Wir sind so damit beschäftigt lokale Interessen zu vertreten, dass wir die Macht die wir haben könnten nicht sehen.

Europa ist eine wahnsinnige Möglichkeit der Gestaltung. Die Macht über die Wirtschaft ist uns abhandengekommen als die Globalisierung immer größer wurde. Ein Gesetz, das in Berlin beschlossen wird, in London aber keine Gültigkeit trägt, wirkt nur begrenzt. Es wirkt nur in einem begrenzten Raum, der dank freien Grenzen und gemeinsamer Währung locker umgangen werden kann. Was wir brauchen sind globale Kontrollmöglichkeiten.

Es wirkt schon etwas verdreht, dass wir global leben, aber lokal regieren. Wir jungen Menschen sollten es als unsere Aufgabe sehen das zu verändern, ehe es zu spät ist. Wir brauchen nicht "Mehr Europa", wir brauchen Anerkennung von Realität. Wir müssen uns der Realität stellen, politisch sein.

Oft wird mir gesagt, wir sind noch weit weg von den Vereinigten Staaten Europas, doch das sind wir nicht. Es existiert bereits eine Generation Europäer und wir werden immer älter und einflussreicher. Die alte Generation wird und muss vertrieben werden. Wir müssen das tun, was für uns angebracht ist und das ist Europa.

Wir brauchen europäische Zeitungen, die unsere europäischen Blick bilden und schärfen.
Wir brauchen eine europäische Regierung, die die Nationalität in die Schranken weist.
Wir brauchen eine europäische Öffentlichkeit, die sich endlich um die globalen Krisen kümmert.

Probleme muss man an den Ebenen angehen, in denen sie sich befinden. Und diese Ebene ist global.

Sonntag, 29. März 2015

Ist Bewusstsein ein brauchbares Konstrukt für die Psychologie?

Bewusstsein. Ein Begriff, ein Konstrukt mit vielen Bedeutungen: Wach sein, etwas wissen, wissen dass man existiert, etc.. In der Psychologie ist Bewusstsein ein viel benutzter Begriff. Schon Freud redete von Bewusst und unbewusst und auch noch vorbewusst. Heute hat Bewusstsein viel mit Aufmerksamkeit zu tun, wird teilweise mit ihr gleichgesetzt und ist trotzdem etwas anderes viel zentraleres.

Bewusstsein ist vor allem ein Begriff, der uns von anderen Wesen unterscheidet. Wir haben Bewusstsein. Tiere haben kein Bewusstsein. Bewusstsein macht uns zu etwas besonderem. Und das obwohl wir uns nicht einmal einig darüber sind worüber wir reden oder auch wie man Bewusstsein messen sollte. Der Rouge-Test? Setzt voraus, dass man sehen kann oder zumindest gut genug sehen kann. Dass ein Tier den Rouge-Test nicht besteht heißt noch lange nicht, dass es kein "Bewusstsein" besitzt - schließlich ist es doch wach, weiß sicherlich auch den Aufmerksamkeitsaspekt erfüllt er sicherlich locker.

Tiere müssen beweisen etwas zu haben, von dem wir selbst nicht beweisen können, dass wir es haben oder es überhaupt existent ist. Ist Bewusstsein also überhaupt ein Begriff und ein Konstrukt das der Psychologie dienlich ist? Ich wage es zu bezweifeln. Die Vorstellung des Bewusstseins ist mehr der verzweiflte Griff danach etwas besonderes zu sein, dass Körper und Geist zwei unterschiedliche Dinge sind und wir Menschen eine Seele besitzen und damit über dem seelenlosen, instinktiven Tieren stehen.

Auch die Unterscheidung bewusst/unbewusst ist lächerlich. Wo zieht man die Grenze? Bewusst und unbewusst sind allerhöchstens die beiden Extrempunkte einer Skala und selbst hierfür brauchen sie eine eindeutigere Definition. Wir spielen mit Begriffen, die wir nicht verstehen und sehen sie als unverzichtbar an.

In der Wissenschaft sollte man sich vom Konstrukt des Bewusstseins verabschieden. Es bringt uns nicht weiter, es hält uns nur auf. Das Bewusstsein ist ein Konstrukt, das älter ist wie die Psychologie und das wir nun zu fassen versuchen, obwohl wir es besser wissen. Unsere Bedürfnisse unseren "Geist" zu beschreiben können wir mit einem anderen Wort befrieden: Erleben. Psychologie ist die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben und eben nicht vom Verhalten und dem Bewusstsein.

Mittwoch, 11. Februar 2015

X verändert das Gehirn.

Immer und immer wieder lese ich in Zeitungen und Zeitschriften folgendes: "Blabla verändert das Gehirn" "bei blabla zeigen sich Veränderungen im Gehirn", etc.. Wenn sich etwas im Gehirn tut, wenn man bei einer Studie noch ein Bild des Gehirns präsentiert, dann kann man sich der Aufmerksamkeit sicher sein. Wie eine Dozentin von mir vor einer Weile bemerkte, gehört es schon einfach dazu noch ein Bild vom Gehirn zu zeigen, damit die Forschung wichtig wirkt.

Veränderungen im Gehirn lösen eine Faszination aus, als ob es etwas Göttliches wäre. Doch was soll sich denn sonst verändern? Was ist bitte besonders daran, dass sich Veränderungen im Gehirn zeigen? Diese Faszination zeigt, wie stark der Glaube an den Dualismus Körper/Geist verbreitet ist. Es ist als ob Körper und Geist immernoch etwas komplett unterschiedliches sei. Man kann sich wohl nicht eingestehen, dass es da nichts magisches, nichts übernatürliches gibt dort in unserem Geist.

Unser "Geist" und unser Gehirn sind dasselbe. Unsere Gedanken, unser Bewusstsein, sind nicht mehr als Hirnprozesse. Wenn man sich etwas merkt, dann verändert sich das Gehirn strukturell, um es wiederabrufbar zu machen. Noch mal: Geist und Gehirn sind nur zwei unterschiedliche Betrachtungsebenen ein und derselben Sache. Da ist nicht mehr. Da ist nichts Heiliges, nichts Magisches, nichts darüber hinaus.

Natürlich verändert sich etwas im Gehirn, wenn wir eine Kognitive Verhaltenstherapie absolvieren. Wo denn auch sonst? Wieso sollten keine "Änderungen" im Gehirn sichtbar werden? Wenn wir das Gehirn als Denk-, Handels-, Steuerzentrale ansehen, dann kann sich auch nur dort eine Veränderungen ebene jener Dinge(des Denkens, etc.) widerspiegeln.

Es ist fraglich, wie lange es dauern wird, bis der Mensch diesen Sachverhalt wirklich verinnerlicht hat, wirklich verstanden hat. Man verneint dadurch nicht die Ebene des Geistes, man raubt ihr lediglich ihre unabhängige Existenz. Wir brauchen zum Verständnis des Menschen verschiedene Ebenen, aber dennoch ist es wichtig sich in den Kopf zu rufen, dass es nur verschiedene Ebenen ein und derselben Sache sind. Gerade als Psychologie, Hirnforscher, Biologe, Neurowissenschaftler, etc. sollte es einen nicht vom Hocker reißen, wenn Veränderungen im Gehirn sichtbar werden. Das ist nichts besonderes, es ist völlig normal, wie der Tod am Ende des Lebens.

Montag, 5. Januar 2015

Positive Psychologie: Die "Everything is possible"-Sekte

Positive Psychologie ist eine Subkultur der Psychologie. Sie möchte eine Wissenschaft für den normalen Menschen im Alltag sein. Das Kernanliegen ist es, dass mehr auf die positiven Aspekte des Menschen geachtet wird, dass man seine Stärken fördert und zur Prävention von psychischen Störungen beiträgt.

An und für sich ist die Idee der Positiven Psychologie nicht schlecht. Die klassische "Psychologie" - zumindest stereotypisch - beschäftigt sich sehr viel mit Störungen. Wie entfernt man Störungen vom Menschen. Es geht darum, dass negative wegzubekommen, nicht aber das positive auszubauen. Die Menschen ihre persönlichen Stärken zu schulen und damit die Welt ein wenig besser zu machen ist sicherlich erstrebenswert. Die Verbesserung der gesellschaftlichen Bedingungen ist sogar ein ethischer Grundsatz der Psychologie.

Interessant sind hierbei z.b. das Undoing-Potenial: Durch das Erleben positiver Gefühle werden negative Gefühle schneller neutralisiert. Erlebt man häufig genug positive Gefühle kommt es zu einer Aufmerksamkeitserweiterung (Broaden-and-built Theory) und man kümmert sich um Ressourcen, die einem in Zukunft gut tun. Letztendlich erzeugt man somit eine Aufwärtspirale, bei dem es einem nach und nach immer besser geht.

Es gibt viele gute Ansätze, z.B. das sogenannte Flow-Erleben: Kommt es in einer Tätigkeit zu einer Passung zwischen Anforderung und Fähigkeit, so erlebt man diese Tätigkeit als zeitlos und super. Flow-Erleben führt zu guten Gefühlen und ist ein guter Ansatz für die Arbeitsoptimierung.

Es gibt allerdings zwei entscheidende Probleme, die die Positive Psychologie hat: Das erste sind neurotische Menschen und das andere der Kapitalismus.

Wer sucht im Internet nach Möglichkeiten, wie es einem besser geht? Natürlich nicht der funktioniernde Normalbürger, schließlich geht es ihm ja halbwegs gut. Neurotische, psychisch kranke Personen suchen nach Mitteln sich besser zu fühlen. Solche Menschen brauche aber Therapien und keine Anleitungen zum "noch glücklicher sein". Solche Menschen können eben nicht adäquat mit Methoden zur Glücksteigerung umgehen, eben weil sie psychisch krank sind. Das ist ja gerade der Kern einer psychischen Erkrankung: Man ist unfähig sich adäquat zu verhalten, unfähig Dinge normal zu sehen, unfähig funktional zu sein. Hier führen solche Methoden nur zu einer einzigen Sache: eine noch tiefere Depression.

Der Kapitalismus ist das sogar noch wichtigere Problem: Wir leben in einer Gesellschaft in der es um Maximierung und Profit geht. Glück und Liebe sind die Religionen unserer Zeit. Sie sollen einfach alles bringen: Sinn, ein gutes Leben, Gummibären, die vom Himmel fallen. Der Kaptialismus verkauft die Ideen der Positiven Psychologie und zeigt eben nicht ihre Grenzen auf. Glück scheint einmal machbar: Man muss es nur stark genug versuchen, man muss sich nur anstrengen und genug investieren und irgendwann werden alle Menschen glücklich sein.

Bullshit!

Schlechte Gefühle, Negativität gehört zum Leben dazu und ist höchst funktional. Das Streben nach Glück kann fast nur im Unglück enden. Ein leistungsgetrimmter Mensch, der darunter leidet, dass er leistungsgetrimmt ist, wird nicht dadurch glücklicher, dass er versucht möglichst viel für sein Glück zu leisten. Leid gehört zum Mensch-sein dazu. Es wird niemals eine perfekte Welt geben, in der niemand leiden muss, in der es allen immer super gut geht. Unser Körper ist nicht einmal dafür gemacht.

Zum Abschluss soll noch gesagt werden: Es gibt zwei grundlegenden Motivationssysteme im Körper: ein Annäherungs und ein vermeidendes System. Das vermeindene System wird immer da sein. Positive dinge und negative Dinge sind biologisch. Das wird nicht weg gehen und es ist auch wichtig. Wenn wir keine negativen Gefühle mehr empfinden können, sind wir schneller alle tot, als ein Stuhl in China umfällt.

Daher: Weg von der positiven Psychologie. Weg von einer Zentrierung des Guten. Wer nur nach Glück strebt, wird unglücklich sein.